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„Mit dir muss man ja depressiv werden" wenn dein Partner dich für seine Erkrankung verantwortlich macht

  • Eva
  • 12. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Du hast diesen Satz gehört. Vielleicht nicht genau so. Vielleicht in einer anderen Version.


„Du stresst mich so dass ich nicht schlafen kann."

„Wenn du nicht so wärst, würde es mir besser gehen."

„Du weißt doch wie es mir geht. Warum machst du das trotzdem?"

„Mit dir muss man ja depressiv werden."


Und du hast geschluckt. Hast nachgedacht. Hast dich gefragt: Stimmt das? Bin ich wirklich der Grund? Mache ich ihn krank?


Irgendwann hast du aufgehört zu fragen ob es stimmt. Du hast angefangen es zu glauben.

Das ist der Moment in dem du aufgehört hast dir selbst zu vertrauen. Und genau da beginnt das eigentliche Problem. Es geht gar nicht um seine Erkrankung. Es geht darum was sie mit deiner Wahrnehmung von dir selbst gemacht hat.


Woher kommt diese Verantwortungszuschreibung?


Menschen mit psychischen Erkrankungen haben oft eine eingeschränkte Fähigkeit, eigene Gefühle zu regulieren und zu verorten. Das bedeutet: Wenn es ihnen schlecht geht, suchen sie automatisch nach einer Ursache im Außen. Nach jemandem der "schuld" ist. Nach etwas das sie erklären können.

Und du bist da. Nah, verfügbar, liebend. Du bist die naheliegendste Erklärung.

Das passiert nicht immer mit Absicht. Manchmal ist es pure Überforderung. Manchmal ist es das was er selbst als Kind gelernt hat: Die Ursache von Gefühlen ist bei einem anderen. Manchmal ist es ein Schutzmechanismus gegen die unerträgliche Wahrheit: dass seine Erkrankung in ihm sitzt, nicht in dir.


Und? Was macht es mit dir?


Psychische Erkrankung und Verantwortung


Eine psychische Erkrankung erklärt Verhalten. Sie entschuldigt es nicht dauerhaft.

Dein Partner trägt keine Schuld dafür dass er erkrankt ist. Aber er trägt Verantwortung dafür wie er mit seiner Erkrankung umgeht (soweit er dazu in der Lage ist). Und er trägt Verantwortung dafür was er dir gegenüber sagt und tut.


Du bist nicht verantwortlich für seine Erkrankung. Du bist nicht ihre Ursache. Du bist nicht ihre Heilung. Und du bist nicht ihr Opfer.


Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen zwei Dynamiken die von außen ähnlich aussehen:

Ein Partner der in seiner Erkrankung unbewusst Verantwortung abgibt, weil er überfordert ist, weil seine Regulationsfähigkeit eingeschränkt ist, weil er schlicht nicht anders kann in diesem Moment. Das ist Symptom. Das ist nicht gegen dich gerichtet. Und es verändert sich wenn er professionelle Hilfe bekommt und annimmt.


Und ein Partner der seine Erkrankung einsetzt (bewusst oder unbewusst) um Kontrolle zu behalten, Kritik abzuwehren, Grenzen zu verhindern. Der immer dann einen Einbruch hat wenn du etwas für dich willst. Der immer dann zusammenbricht wenn du eine Grenze setzt. Der seine Verletzlichkeit als Argument benutzt warum du funktionieren musst. Und der sich nicht verändert. Egal wie viel Therapie, egal wie viel Zeit, egal wie viel du gibst.


Das ist kein Symptom mehr. Das ist ein Muster. Und du lebst mittendrin ohne zu wissen welches der beiden es ist. Weil du ihm so nah bist dass du den Unterschied nicht mehr siehst.


Was es mit dir macht wenn du dauerhaft verantwortlich gemacht wirst

Es beginnt damit, dass du anfängst deine eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.


Er sagt:

Du hast das falsch verstanden.

Du bist zu sensibel.

Du weißt nicht wie es mir geht.

Du machst mich krank mit deinen Ansprüchen.


Und du denkst:

Vielleicht stimmt das.

Vielleicht bin ich wirklich zu viel.

Vielleicht sollte ich weniger fordern, weniger fühlen, weniger sein.


Das nennt man Gaslighting. Es beschreibt den Prozess bei dem deine Realität systematisch in Frage gestellt wird bis du ihr selbst nicht mehr traust. Es muss nicht böse gemeint sein. Es kann aus echter Überforderung entstehen. Aber die Wirkung auf dich ist dieselbe.

Du verlierst den Kontakt zu deiner eigenen Wahrheit.

Und das ist gefährlicher als jede Erschöpfung. Weil Erschöpfung sich anfühlt wie zu wenig Kraft. Aber der Verlust der eigenen Wahrnehmung fühlt sich an wie Wahnsinn.


Konkrete Situationen und wer wirklich verantwortlich ist

Du machst Pläne mit einer Freundin und er hat plötzlich eine Krise

Seine Krise ist real. Sein Timing ist kein Zufall. Du bist nicht verantwortlich dafür dass er eine Krise hat. Du bist auch nicht verantwortlich dafür sie abzusagen.

Du sprichst ein Problem an und er dreht es so um dass du dich am Ende entschuldigst.

Das Gespräch hat mit deinem Bedürfnis angefangen. Es endet mit seinem Schmerz. Dein Bedürfnis existiert noch, es wurde nur unsichtbar gemacht.


Er sagt: Mit dir muss man ja depressiv werden

Das ist kein Feedback über dich. Das ist ein Satz der dich klein machen soll damit er nicht hinschauen muss. Denn wenn du das Problem bist, muss er sich nicht verändern.

Du setzt eine Grenze und er sagt: Wenn du das tust, weiß ich nicht was ich tue.

Das ist kein Hilferuf. Das ist Kontrolle. Eine echte Krise braucht professionelle Hilfe und keine Grenzlosigkeit von dir. Du bist nicht zuständig für das was er mit deiner Grenze macht.


Er vergisst Vereinbarungen, kommt Verpflichtungen nicht nach und du erklärst es seiner Erkrankung

Vielleicht stimmt das. Aber auch Menschen mit psychischen Erkrankungen tragen Verantwortung für ihr Verhalten soweit sie dazu in der Lage sind. Dauerhafte Entschuldigung ist keine Fürsorge. Sie ist Entmündigung für ihn und Selbstaufgabe für dich.


Er sagt: Du verstehst nicht wie es mir geht. Niemand außer dir kann mir helfen

Das ist eine Last die kein Mensch tragen kann und soll. Professionelle Hilfe existiert genau dafür. Wenn er sie ablehnt und stattdessen auf dich zeigt dann ist das eine Entscheidung. Seine.


Der feine Unterschied den du kennen musst

Ein Partner der bereit ist hinzuschauen der macht Fehler aber er wächst. Bei ihm ist Geduld sinnvoll. Bei ihm lohnt es sich zu bleiben und gleichzeitig Grenzen zu setzen.

Ein Partner der bei jeder Konfrontation kränker wird, bei jeder Grenze eskaliert, bei jeder Bitte zusammenbricht UND der sich dabei nicht verändert, der benutzt seine Erkrankung als Schutzschild. Bewusst oder nicht.

Und du darfst das benennen. Ohne schlechtes Gewissen.


Was du jetzt brauchst

Nicht die Antwort auf die Frage: Ist er böse oder krank?

Eine Antwort auf diese: Wer bin ich noch nach all dem?


Weil das was hier passiert ist dich verändert hat. Du vertraust dir selbst weniger. Du zweifelst schneller. Du entschuldigst mehr...auch dich selbst.

Der Weg zurück beginnt nicht mit einer Entscheidung über ihn. Er beginnt damit deine eigene Wahrnehmung wieder ernst zu nehmen.

Was du fühlst ist real. Was du brauchst ist berechtigt. Was dir passiert ist hat einen Namen.


Häufige Fragen zu Verantwortung für psychische Erkrankung

Wie erkenne ich ob er seine Erkrankung als Kontrolle einsetzt?

Schau auf das Muster nicht auf den einzelnen Moment. Passiert es immer dann wenn du etwas für dich willst? Endet jedes Gespräch über deine Bedürfnisse mit seinem Schmerz im Mittelpunkt? Wirst du schlechter nicht besser wenn du mehr gibst? Verändert sich trotz Therapie nichts an der Dynamik zwischen euch? Dann ist es ein Muster.

Er ist wirklich krank. Darf ich trotzdem Grenzen setzen?

Ja. Immer. Eine Erkrankung erklärt Verhalten ABER sie entschuldigt es nicht dauerhaft. Grenzen schützen euch beide. Dich vor Erschöpfung. Ihn vor der Illusion dass du seine Therapie bist.

Ich weiß nicht mehr ob ich überreagiere, wie finde ich das heraus?

Sprich mit jemandem außerhalb der Beziehung: einer Therapeutin, einer engen Freundin, einer Fachperson. Nicht um ein Urteil zu bekommen. Sondern weil du einen Spiegel brauchst der nicht von ihm gehalten wird.

Er sagt ich bin schuld an seinen Krisen. Stimmt das?

Nein. Du kannst Auslöser sein, wie jeder Mensch in seinem Leben. Aber du bist nicht die Ursache seiner Erkrankung. Und du bist nicht zuständig sie zu verhindern. Der Unterschied zwischen Auslöser und Ursache ist der Unterschied zwischen deiner Schuld und seiner Verantwortung.

Ich liebe ihn und will nicht aufgeben aber ich kann nicht mehr. Was jetzt?

Beides darf gleichzeitig wahr sein. Liebe und Erschöpfung schließen sich nicht aus. Aber Liebe allein trägt keine Beziehung. Hol dir zuerst Unterstützung für dich! Nicht für euch. Für dich.



Ich bin Psychologin und begleite Frauen die genau an diesem Punkt stehen. Wenn du dich hier wiedererkennst dann ist das der Anfang, nicht das Ende.


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