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Bin ich traumatisiert? Warum die „Trauma-Brille“ dich nach einer narzisstischen Beziehung oft klein hält

  • Eva
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

„Ich bin traumatisiert nach der Beziehung mit einem Narzisst.“ Diesen Satz höre ich häufig von Betroffenen von narzisstischem Missbrauch. Nach einer Beziehung mit einem Narzissten fühlst du dich wie nach einem Autounfall bei 180 km/h: erschöpft, instabil, voller Selbstzweifel und ständig unter Strom.

Es ist verführerisch, sich das Label „Trauma“ anzuheften. Es gibt dem Schmerz einen Namen. Aber ich sage dir etwas Unbequemes: Dich als „traumatisiert“ zu definieren, kann zur Sackgasse werden. Es fühlt sich an wie eine Diagnose, ist aber oft „nur“ eine extrem erfolgreiche Anpassung an den Wahnsinn.


Was Trauma ist

In der Psychologie ist ein Trauma meist ein akuter Schock: Lebensgefahr, schwere Gewalt, ein klarer Moment des Schreckens. Wer das erlebt, leidet oft an einer klassischen PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) mit Flashbacks und Zittern.

Aber die meisten Frauen, die aus narzisstischen Beziehungen kommen, erleben etwas anderes. Es war kein einmaliger Knall. Es war eine systematische, schleichende emotionale Destabilisierung.

  • Gaslighting (Du zweifelst an deinem Verstand)

  • Schuldumkehr (Du bist immer das Problem)

  • Intermittierende Verstärkung (Der Wechsel zwischen Zuckerbrot und Peitsche)


Das fühlt sich traumatisch an, ja. Aber strukturell ist es oft keine PTBS, sondern ein Feststecken in Überlebensstrategien.


Du bist nicht „beschädigt“. Du bist perfekt angepasst

Hier kommt der Perspektivwechsel, der provokant ist, weil er dir die Verantwortung zurückgibt: Du bist nicht kaputt. Du hast nur verlernt, wie man außerhalb eines Kriegsschauplatzes lebt.

Die Schematherapie zeigt uns, was wirklich passiert ist: Die Beziehung hat deine alten, vielleicht schon in der Kindheit angelegten Wunden (Verlassenheit, Minderwertigkeit) getriggert. Um zu überleben, hat dein System brillante Schutzmechanismen entwickelt:

  • Überanpassung: Du hast deine Bedürfnisse gelöscht, um den nächsten Ausbruch zu verhindern.

  • Unterwerfung: Du hast Grenzüberschreitungen geschluckt, um die Bindung zu retten.

  • Dauerfunktionieren: Du bist zum Hochleistungsmotor geworden, um alles zusammenzuhalten.


Das Problem? Die Beziehung ist vorbei, aber dein „Betriebssystem“ läuft immer noch im Kriegsmodus. Das ist keine dauerhafte Hirnschädigung, das ist ein veraltetes Programm.


Warum die „Trauma-Ecke“ dich nicht weiterbringt

Wenn wir alles als Trauma abstempeln, laufen wir Gefahr, in die passive Opferrolle zu rutschen.

„Ich bin traumatisiert, also bin ich hilflos. Ich brauche jemanden, der mich repariert.“

Das ist genau die Ohnmacht, die der Narzisst in dir installiert hat! Wenn du dich als „dauerbeschädigt“ siehst, wartest du auf eine Heilung von außen. Aber Heilung nach narzisstischer Gewalt ist keine Reparatur. Es ist Entwicklungsarbeit.


Die wichtigere Frage: Wo hast du dich verloren?

Hör auf zu fragen: „Bin ich traumatisiert?“ Diese Frage führt dich zurück in die Vergangenheit, zum Täter und zu dem, was er dir angetan hat.

Frag stattdessen:

  1. Welche alten Überlebensmuster halte ich heute noch aufrecht? (Obwohl der Feind gar nicht mehr im Raum ist.)

  2. Wo habe ich verlernt, meine Grenzen zu spüren?

  3. Was brauche ich jetzt, um meine Selbstwirksamkeit zurückzuholen?


Raus aus der Starre: Entwicklung statt Reparatur

Echte Veränderung beginnt nicht, wenn du deine Symptome analysierst, sondern wenn du deine Handlungsfähigkeit wiederentdeckst. Narzissmus-Folgen sind verletzte Bindungs- und Selbstwertstrukturen. Das Gute daran? Muster kann man verlernen. Strukturen kann man neu bauen.


Du bist kein Opfer, das auf ein Wunder warten muss. Du bist eine Frau, die lernen darf, den Überlebensmodus auszuschalten und den Lebensmodus wieder zu finden.


Akzeptiere den Schmerz, aber verweigere die Diagnose

Narzisstische Beziehungen hinterlassen tiefe Spuren, keine Frage. Aber lass dir nicht einreden, du seist für immer „gezeichnet“. Du hast überlebt, weil du extrem anpassungsfähig warst. Nutze diese Fähigkeit jetzt, um dich an die Freiheit anzupassen.


Ich bin Psychologin und in meiner Arbeit begleite ich Frauen dabei, sich aus alten Überlebensmustern zu lösen, innere Stabilität aufzubauen und wieder handlungsfähig zu werden.



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