Überverantwortung bei Angehörigen: Co-Abhängigkeit ist der falsche Begriff
- Eva
- 18. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Angehörige psychisch Erkrankter tragen oft an einer Last tragen, die nicht ihre ist
Wenn ein geliebter Mensch psychisch erkrankt, gerät das gesamte Gefüge ins Wanken. Partner, Eltern oder Kinder werden über Nacht zu Krisenmanagern: Sie koordinieren Termine, halten den Alltag am Laufen, vermitteln zwischen Ärzten und Arbeitgebern und regulieren ganz nebenbei Emotionen, die unkontrollierbar scheinen.
In diesem Chaos fällt oft ein Begriff: „Co-Abhängigkeit“. Doch trifft dieses Wort das Erleben der Betroffenen wirklich? Oder führt es eher zu zusätzlicher Schuld?
Woher kommt „Co-Abhängigkeit“?
Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Umfeld der Anonymen Alkoholiker. Er beschreibt Beziehungsmuster, die eine Sucht indirekt stabilisieren, wie beispielsweise durch Verleugnung oder das „Ausräumen“ von Konsequenzen.
Wird dieses Konzept pauschal auf psychische Erkrankungen übertragen, entsteht ein Problem:
Es klingt nach dysfunktionaler Verstrickung und Mitbeteiligung.
Es suggeriert, die Hilfe sei Teil des Problems.
Die Realität vieler Angehöriger ist jedoch nicht Verstrickung, sondern pure Überlastung.
Überverantwortung von Angehörigen: Wenn Fürsorge zur Last wird
Überverantwortung bedeutet nicht, dass Hilfe falsch ist. Angehörige tragen oft reale Verantwortung: für Kinder, Finanzen oder die Existenzsicherung. Problematisch wird es, wenn die Grenze zwischen Machbarem und Kontrollierendem verschwimmt.
Typische Glaubenssätze der Überverantwortung sind:
„Wenn ich nicht funktioniere, bricht alles zusammen.“
„Ich darf mir keine Schwäche erlauben.“
„Ich hätte früher merken müssen, dass es schlimmer wird.“
Hier wird die eigene Belastungsgrenze zweitrangig. Man versucht, eine Dynamik zu kontrollieren, die eigentlich nicht kontrollierbar ist.
Die Psychologie dahinter: Warum wir nicht loslassen können
Aus Sicht der Schematherapie stecken oft tief sitzende Muster hinter diesem Verhalten:
Selbstaufopferung: Die eigenen Bedürfnisse zählen nicht.
Unterordnung: Man passt sich dem kranken System an, um Konflikte zu vermeiden.
Übermäßige Verantwortlichkeit: Ein tiefes Gefühl, für das Wohlergehen anderer zuständig zu sein.
Überverantwortung bei Angehörigen fungiert hier oft als so etwas wie Angstregulation: Wer alles im Blick behält, fühlt sich weniger ohnmächtig. In der dauerhaften Alarmbereitschaft (bei Depressionen, Bipolarität oder Traumafolgen) reduziert sich die eigene Identität oft nur noch auf Rollen wie „die Stabile“ oder „der Vernünftige“.
Der Begriff „Co-Abhängigkeit“ führt oft in die Irre
Es ist wichtig, den Unterschied zu benennen. Der Vorwurf der Co-Abhängigkeit:
Individualisiert strukturelle Überforderung: Es macht ein systemisches Problem zu einem Charakterfehler.
Verkennt reale Care-Arbeit: Pflege und Unterstützung sind oft schlicht notwendig.
Moralisiert Loyalität: Liebe und Einsatz werden als „krankhaft“ abgestempelt.
Was Angehörige erleben, ist keine „Mit-Erkrankung“, sondern ein extrem belastender Anpassungsmodus, der zu chronischer Anspannung, Schlafstörungen und emotionaler Erschöpfung führt.
Der Wendepunkt: Wann kippt die Fürsorge?
Fürsorge wird zur toxischen Überverantwortung, wenn:
eigene Bedürfnisse dauerhaft als „egoistisch“ delegitimiert werden.
Grenzen setzen sich wie Verrat anfühlt.
Erholung massive Schuldgefühle auslöst.
Das eigene Leben faktisch stillsteht.
Vom „Müssen“ zum „Dürfen“: Ein Perspektivwechsel
Statt sich zu fragen: „Bin ich co-abhängig?“, ist die hilfreichere Frage:
„Welche Verantwortung gehört wirklich zu mir und welche übernehme ich inneren Motiven (z.B. Angst oder Schuld)?“
Dieser Verantwortungsrealismus erlaubt es, zu unterstützen, ohne sich selbst aufzugeben. Es geht nicht um kalte Distanzierung, sondern um eine differenzierte Zuständigkeit:
Ich bin verantwortlich für... | Ich bin NICHT verantwortlich für... |
Meine eigenen Grenzen & Bedürfnisse | Die Heilung/Erkrankung des anderen |
Meine Reaktion auf die Situation | Die Stimmung des anderen |
Unterstützung im Rahmen meiner Kraft | Das Abnehmen aller Konsequenzen |
Fazit: Überverantwortung entsteht meist aus tiefer Liebe. Doch "Heilung" beginnt dort, wo Verantwortung wieder realistisch verteilt wird.
Ich bin Psychologin und unterstützen Angehörige psychisch Erkrankter Menschen dabei die eigene Verantwortung wieder realistisch zu betrachten und zu fühlen.


