top of page

Ich schäme mich für ganz normale Bedürfnisse

  • Eva
  • 3. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Ihr sitzt im Restaurant, dein Kind mag die Soße nicht, die auf dem Teller ist. Du winkst die Bedienung heran und fragst ganz selbstverständlich, ob es das Gericht auch ohne Soße geben kann. Kein Zögern, kein flaues Gefühl im Magen. Es ist dein Kind, also ist klar, dass du fragst.


Zwei Minuten später merkst du, dass dein eigenes Gericht mit einer Zutat kommt, auf die du eigentlich gar keine Lust hast. Und du isst es trotzdem so, wie es ist. Der Gedanke, jetzt noch einen Extrawunsch für dich selbst zu äußern, fühlt sich an, als würdest du zu viel verlangen. Für das Kind war es ein Kinderspiel. Für dich selbst bringst du den Satz nicht über die Lippen.


Ähnlich beim Einkaufen oder unterwegs: Wenn dein Kind zur Toilette muss, fragst du ohne nachzudenken beim Café nebenan, ob ihr die Toilette nutzen dürft. Wenn du selbst dringend müsstest, aber gerade nichts gekauft hast, gehst du lieber noch zwei Straßen weiter oder hältst es aus, statt zu fragen. Als wäre dein eigenes Bedürfnis nach einer Toilette weniger berechtigt als das deines Kindes.


Das ist ein sehr typisches Muster: Für andere, besonders für die eigenen Kinder, kannst du mühelos einstehen. Du forderst, vertrittst, sprichst aus, was gebraucht wird. Sobald es aber um dich selbst geht, um ein ganz banales eigenes Bedürfnis, wird aus derselben Frau jemand, die lieber verzichtet, als aufzufallen.


Woher diese Scham kommt


Scham vor den eigenen Bedürfnissen fällt nicht vom Himmel. Sie wird gelernt, meistens früh, meistens leise. Vielleicht warst du das Kind, dessen Bedürfnisse im Vergleich zu größeren Problemen in der Familie klein gemacht wurden. Vielleicht hast du gelernt, dass Zuwendung an Leistung geknüpft ist: Erst wenn du funktionierst, verdienst du dir Zuwendung. Vielleicht war in deinem Umfeld wenig Raum für Bedürfnisse, die nicht sofort einen Nutzen für andere hatten.


Was dabei entsteht, ist eine Anpassungsleistung. Ein Kind, das merkt "meine Bedürfnisse sind hier zu viel", findet einen Weg, damit umzugehen: Es lernt, die Bedürfnisse kleiner zu machen, bevor sie überhaupt laut werden. Das war der klügste Weg, den ein Kind in dieser Situation finden konnte, um Nähe und Sicherheit nicht zu verlieren.


Genau das erklärt auch, warum es für andere so viel leichter fällt als für dich selbst. Für ein Kind einzustehen ist gesellschaftlich anerkannt, sogar erwartet. Für dich selbst zu fragen, war dagegen genau das, was früher riskant war. Wenn du als Kind gelernt hast, dass eigene Wünsche Ärger, Enttäuschung oder Liebesentzug nach sich ziehen können, dann bleibt genau dieser eine Bereich geschützt: die Fürsorge für andere. Dort darfst du laut sein. Für dich selbst nicht.


Nur: Dieser Mechanismus bleibt oft aktiv, lange nachdem die Situation, die ihn nötig gemacht hat, vorbei ist. Du bist heute erwachsen, unabhängig, vielleicht in einer Beziehung oder einem Umfeld, das ganz anders auf deine Bedürfnisse reagieren würde, als du es früher erlebt hast. Trotzdem meldet sich die alte Scham, sobald ein Bedürfnis auftaucht. Sie fragt nicht, ob die Situation heute noch dieselbe ist.


Wie sich das im Alltag zeigt


Diese Scham ist selten laut. Sie zeigt sich eher in kleinen, alltäglichen Momenten, die auf den ersten Blick unauffällig wirken.


Du sagst nicht ab, obwohl du erschöpft bist, weil du befürchtest, als unzuverlässig zu gelten. Du formulierst Bitten als Frage, die man auch leicht ablehnen kann, statt klar zu sagen, was du brauchst, "wäre es okay, wenn..." statt "ich brauche...". Du rechtfertigst dich, bevor überhaupt jemand nachgefragt hat, ein Bedürfnis kommt selten allein, meistens direkt mit einer Erklärung, warum es gerade jetzt ausnahmsweise in Ordnung sein sollte. Du wartest, bis ein Bedürfnis so groß geworden ist, dass es fast schon ein Zusammenbruch ist, bevor du überhaupt merkst oder zulässt, dass da etwas fehlt. Und du vergleichst dich ständig, andere schaffen das doch auch, ohne so viel zu brauchen, ein Vergleich, der selten fair ist, weil du dabei nur siehst, was andere nach außen zeigen, nicht das, was in ihnen tatsächlich vorgeht.


Deine Gefühle als Hinweis, nicht als Störung


Gefühle, die unangenehm sind, werden oft als das Problem behandelt, dabei sind sie meistens ein Hinweis auf ein Bedürfnis dahinter. Wut zeigt oft an, dass gerade eine Grenze überschritten wurde. Gereiztheit ist häufig ein frühes Warnsignal, bevor echte Erschöpfung einsetzt. Ein Gefühl von Neid kann zeigen, wonach du dich insgeheim selbst sehnst, auch wenn du diesen Wunsch bislang beiseitegeschoben hast. Diese Gefühle sind eher eine Übersetzung dessen, was dir gerade fehlt, wenn du bereit bist, genauer hinzuhören.


Ein Wörterbuch für das, was dir fehlt


Manchmal ist es schwer, ein Bedürfnis überhaupt zu benennen, weil einem die Worte dafür fehlen. Diese Kategorien können als eine Art Vokabelhilfe dienen, wenn sich nur eine diffuse Leere meldet.


Körperliche Bedürfnisse: echte Ruhe ohne Ablenkung, nicht nur Schlaf. Essen, wenn du hungrig bist, nicht erst, wenn alle anderen versorgt sind. Bewegung, die sich lebendig anfühlt, nicht nur nach Pflicht.


Autonomie und Abgrenzung: Stopp sagen dürfen, ohne dich erklären zu müssen. Zeit, über die wirklich niemand sonst verfügt. Etwas tun, das allein deinem eigenen Fortschritt oder deiner eigenen Freude dient.


Emotionale Sicherheit: für das gesehen werden, was du bist, nicht nur für das, was du leistest. Die Erlaubnis, auch mal schlecht gelaunt oder schwach zu sein, ohne sofort die Stimmung retten zu müssen. Raum, ein Gefühl auszusprechen, ohne dass es gleich gelöst werden muss.


Sinn und Leichtigkeit: etwas Zweckfreies tun, ohne Nutzen für irgendjemand anderen. Nach den eigenen Werten handeln, nicht nur nach den Erwartungen von außen.


Die Scham ist die Lösung von früher


Der wichtigste Schritt ist selten, die Bedürfnisse selbst zu bekämpfen oder sie sich einfach "abzugewöhnen". Bedürfnisse verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert. Sie werden nur leiser wahrgenommen, bis sie sich auf anderem Weg melden, über Erschöpfung, Gereiztheit oder ein diffuses Gefühl von Leere.


Der eigentliche Wendepunkt liegt darin, die Scham selbst als das zu erkennen, was sie ist: ein sehr altes Schutzprogramm. Etwas, das einmal notwendig war, um Nähe nicht zu riskieren. Etwas, das ein Teil von dir ist, aber nicht du selbst. Wenn du das nächste Mal merkst, wie sich diese vertraute Enge einstellt, sobald ein Bedürfnis auftaucht, kannst du innehalten und fragen: Wessen Stimme ist das gerade? Ist das meine erwachsene Einschätzung der Situation, oder ist das ein sehr altes Muster, das gerade wieder anspringt?


Diese Frage verändert nichts sofort. Aber sie schafft einen kleinen Abstand. Und in diesem Abstand liegt die Möglichkeit, anders zu reagieren als gewohnt.


Ein kleiner Anfang


Ein Bedürfnis zu benennen ist erst der Anfang. Der zweite Schritt ist, es aussprechen zu können, ohne die Rechtfertigung gleich mitzuliefern. Das lässt sich üben, im Kleinen, in Situationen, die nicht viel auf dem Spiel haben. Zum Beispiel einfach mal zu sagen "ich bin müde" ohne Zusatz, warum das gerade ausnahmsweise in Ordnung ist.


Zwei kleine Übungen können dabei helfen:

Die erste: Halte dich dreimal am Tag für eine Minute an, egal was gerade passiert, und prüfe kurz, wo im Körper Spannung ist, welches Wort deinen Zustand gerade am besten beschreibt, und was dir jetzt guttun würde.

Die zweite: Wenn dich jemand um etwas bittet, antworte nicht sofort. Halte kurz inne und spüre nach, ein Ja fühlt sich oft weit und leicht an, ein Nein zeigt sich eher als Enge in der Brust oder ein flaues Gefühl. Diese körperliche Reaktion ist oft ehrlicher als der erste Gedanke, der gefallen will.


Manchmal hilft es, sich diesen inneren Mustern in Ruhe zu nähern, statt mitten im Alltag dagegen anzukämpfen. Genau dafür habe ich das Inmut Kartenset entwickelt, als einen Weg, die eigenen Muster besser kennenzulernen, ohne sich selbst dafür zu verurteilen. Viele Frauen schenken es sich selbst, manche auch einer Freundin, die gerade an einem ähnlichen Punkt steht wie du in diesem Text.


Wenn die Last des Funktionierens den Mut weckt, hinzuschauen: Kartenset
zum Set

Häufige Fragen zu Bedürfnissen und Scham


Woran erkenne ich den Unterschied zwischen einem Wunsch und einem Bedürfnis? Ein Wunsch ist etwas, das schön wäre, aber nicht zwingend notwendig, zum Beispiel ein neues Kleidungsstück. Ein Bedürfnis betrifft etwas, das für dein Wohlbefinden notwendig ist, etwa Ruhe oder Wertschätzung. Wird ein echtes Bedürfnis dauerhaft ignoriert, meldet sich das meist über Erschöpfung, Gereiztheit oder ein diffuses Gefühl von Leere.


Warum fühle ich mich egoistisch, wenn ich an mich denke? Weil du vermutlich lange darauf konditioniert wurdest, dass dein Wert davon abhängt, wie nützlich du für andere bist. Das Wort egoistisch meldet sich dann oft genau in dem Moment, in dem du anfängst, das infrage zu stellen.


Was, wenn wirklich niemand einspringt, wenn ich einmal nicht alles auffange? Diese Sorge ist verständlich, besonders wenn du es lange gewohnt bist, diese Rolle zu tragen. Oft zeigt sich aber erst, wenn du testweise einen kleinen Schritt zurücktrittst, wie viel andere tatsächlich selbst übernehmen können, wenn ihnen der Raum dafür gegeben wird.

bottom of page