Ich schäme mich für ganz normale Bedürfnisse
- Eva
- 3. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
„Sorry, dass ich störe...“,
„Ich will ja nicht nerven, aber...“,
„Eigentlich sollte ich dankbarer sein.“
Wir haben gelernt, unsere Wünsche wie peinliche Geheimnisse zu behandeln. Wir tun so, als wären wir pflegeleichte Roboter, die mit einem Minimum an Zuneigung und Anerkennung auskommen.
Nur: Wir schämen uns nicht für „überzogene Ansprüche“. Wir schämen uns dafür, ein Mensch zu sein.
Das „Good Girl / Good Boy“-Syndrom: Funktionieren bis zum Burnout
Wir leben in einer Gesellschaft, die Autonomie und „Stärke“ vergöttert. Wer Hilfe braucht, gilt als bedürftig. Wer Pausen macht, als faul. Wer Gefühle zeigt, als „zu viel“.
Doch was wir als „anstrengend“ oder „zu viel“ bezeichnen, sind in Wahrheit psychologische Grundrechte:
Gesehen und ernst genommen werden (kein Luxus, sondern Sauerstoff für die Seele).
Grenzen setzen (keine Arroganz, sondern Selbstschutz).
Unterstützung einfordern (keine Schwäche, sondern Teamwork).
Woher kommt diese Scham?
Niemand wird mit dem Gefühl geboren, „zu viel“ zu sein. Diese Scham ist ein erlernter Überlebensmechanismus.
Emotionale Diät: Wenn du als Kind gelernt hast, dass deine Gefühle deine Eltern stressen, hast du deine Bedürfnisse einfach „abgeschaltet“.
Liebe gegen Leistung: Du hast gelernt: „Ich bin nur wertvoll, wenn ich keine Probleme mache.“
Die „Stille-Held“-Falle: Du warst immer der/die Starke. Jetzt hast du Todesangst, dass das Kartenhaus zusammenbricht, wenn du zugibst: „Ich kann gerade nicht mehr.“
Deine Scham ist kein Zeichen deines schlechten Charakters. Vielleicht ist deine Scham das Echo von Menschen, die nicht in der Lage waren, deine Bedürfnisse zu halten.
Woran du merkst, dass du dich selbst unsichtbar machst
Du relativierst jedes Problem sofort: „Anderen geht es viel schlechter.“ (Der Klassiker der Selbstentwertung).
Du bist die personifizierte Erreichbarkeit, traust dich aber nicht, dein Handy mal auszumachen.
Du spürst deine Bedürfnisse erst, wenn dein Körper mit Panikattacken, Migräne oder totaler Erschöpfung die Notbremse zieht.
Du hast Angst vor ehrlicher Nähe, weil dich jemand „entlarven“ könnte.
Deine Bedürfnisse sind Biologie, keine Verhandlungssache
Deine Psyche will Sicherheit. Dein Herz will Resonanz. Das ist simple Biologie. Wenn du versuchst, das wegzudiskutieren, ist das so, als würdest du versuchen, deinen Hunger wegzumeditieren. Es funktioniert nicht.
Der Weg aus der Scham:
Hör auf zu fragen, ob dein Bedürfnis „berechtigt“ ist. Wenn es da ist, ist es da. Punkt.
Sprich das Unangenehme aus. „Ich brauche gerade Aufmerksamkeit.“ Ja, das fühlt sich am Anfang an wie Sterben. Aber es ist der einzige Weg in die Freiheit.
Werde zum schlechten „User“: Werde unbequemer. Wer dich nur liebt, wenn du pflegeleicht bist, liebt nicht dich, sondern deinen Nutzwert.
Fazit: Du bist kein Mängelwesen
Sich für Bedürfnisse zu schämen, ist der schnellste Weg in die emotionale Verwahrlosung. Heilung bedeutet nicht, dass du irgendwann keine Bedürfnisse mehr hast. Heilung bedeutet dass du aufhörst, dich für sie zu entschuldigen.
Du darfst Raum einnehmen.
Du darfst kompliziert sein.
Und du darfst verdammt nochmal etwas vom Leben erwarten.
Ich bin Psychologin und beschäftige mich mit Menschen die zu viel funktionieren.


