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Wie sage ich meinem Chef, dass ich überlastet bin?

  • Eva
  • 14. März
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. März

Du sitzt vor deinem Bildschirm. Es ist 18:30 Uhr. Das Licht im Flur ist bereits aus, aber dein Monitor strahlt dich unerbittlich an.


Eigentlich weißt du es längst: Es ist zu viel. Zu viele Projekte. Zu viele Deadlines. Zu viele dieser „Kannst du das noch kurz…?“-Anfragen, die wie kleine Giftpfeile deinen Feierabend durchbohren. Und was tust du? Du tippst: „Ja, klar, mache ich noch fertig.“ Vielleicht hängst du sogar ein Smiley dran, um die Fassade der perfekten Belastbarkeit zu wahren.


Nicht, weil du wirklich Zeit hast. Sondern weil eine Stimme in deinem Kopf peitscht:


„Reiß dich zusammen.“

„Die anderen wuppen das doch auch.“

„Wenn du jetzt nein sagst, giltst du als schwach oder unorganisiert.“


Willkommen im Hamsterrad des Überkompensierers. Du versuchst gerade, ein strukturelles Problem durch maximale Selbstaufopferung zu lösen...Spoiler: Das wird nicht funktionieren.


Der wahre Grund, warum du schweigst (Es ist kein Kommunikationsproblem)

Die meisten Menschen suchen bei Google nach: „Wie formuliere ich Überlastung diplomatisch?“ Sie glauben, ihnen fehle nur der richtige „Zaubersatz“, um den Chef milde zu stimmen.


Nur: Dein Problem ist nicht die Formulierung. Es ist dein inneres Muster.


Wir alle tragen tief verankerte Glaubenssätze in uns, oft aus der Kindheit importiert. In der Psychologie nennen wir das „Schemata“. Wer als Kind gelernt hat, dass Liebe und Anerkennung an Leistung gekoppelt sind, mutiert im Büro zum Hochleistungsmotor ohne Ausschalter. Du glaubst:


Ich darf keine Umstände machen.

Ich muss immer 110 % geben, um sicher zu sein.

Meine Bedürfnisse sind zweitrangig, solange das Team läuft.


Das funktioniert erstaunlich lange...naja, bis dein Körper die Notbremse zieht. Er kündigt nicht beim Arbeitgeber. Er kündigt bei dir. Schlafstörungen, chronische Gereiztheit und dieses dumpfe Gefühl von Sinnlosigkeit sind die Kündigungsschreiben deiner Psyche.


Die gefährliche Illusion: Warum dein Chef keine Gedanken liest

Viele hoffen insgeheim, dass der Chef irgendwann herbeieilt, einem die Hand auf die Schulter legt und sagt: „Stopp mal, du arbeitest viel zu viel. Geh nach Hause.“


Wach auf: Das wird nicht passieren.


In der modernen Arbeitswelt gilt das Gesetz der sichtbaren Ergebnisse. Wenn du immer lieferst, entsteht eine gefährliche Illusion: Du wirkst kompetent, während du innerlich verbrennst. Dein Chef sieht nur die abgehakten Tasks, nicht den Preis, den du dafür zahlst. Solange du funktionierst, gibt es aus Sicht des Managements kein Problem.


Indem du schweigst, lügst du dein Unternehmen an. Du spiegelst eine Kapazität vor, die physisch und psychisch gar nicht existiert. Das ist nicht loyal, das ist riskant.


Was passiert, wenn du jetzt nicht handelst?

Kurzfristig rettest du dich mit dem Schweigen in die vermeintliche Sicherheit der „belastbaren Mitarbeiter“. Langfristig steuerst du auf eines dieser Szenarien zu:


  • Der totale Burnout: Dein System fährt herunter. Du fällst Monate aus.


  • Innere Kündigung: Du wirst zynisch. Du hasst deinen Job, deine Kollegen und dich selbst.


  • Die emotionale Explosion: Du hältst es monatelang aus, bis eine Kleinigkeit das Fass zum Überlaufen bringt. Du wirst laut, weinst oder wirfst hin... und wirkst dabei genau so unprofessionell, wie du es eigentlich vermeiden wolltest.


So kommunizierst du deine Überlastung professionell

Du brauchst keinen dramatischen Monolog und keine Entschuldigungen. Du brauchst Ressourcenmanagement. Stell dir vor, du wärst eine Maschine (auch wenn du keine bist): Wenn die Auslastung bei 120 % liegt, sinkt die Qualität. Das ist Physik, kein persönliches Versagen.


1. Der richtige Zeitpunkt

Frage nicht zwischen Tür und Angel. Bitte um ein 15-minütiges Gespräch unter vier Augen.


2. Die sachliche Bestandsaufnahme

Vermeide Sätze wie „Ich kann nicht mehr“ (zu emotional). Nutze stattdessen:


„Ich möchte kurz über meine aktuelle Arbeitslast sprechen. Ich merke, dass das Pensum derzeit ein Niveau erreicht hat, bei dem ich die gewohnte Qualität meiner Ergebnisse nicht mehr garantieren kann.“


3. Priorisierung

Hier nimmst du den Druck von deinen Schultern und legst ihn dorthin, wo er hingehört: in die Führungsebene. Präsentiere deine To-Do-Liste und sage:


„Hier sind meine aktuellen Projekte. Um Fokus und Qualität zu halten, müssen wir priorisieren. Welche dieser Aufgaben haben für dich die höchste Priorität und was können wir streichen oder verschieben?“


Das ist kein Jammern. Das ist proaktives Handeln. Du gibst deinem Chef die Möglichkeit, seinen Job zu machen: Entscheidungen zu treffen.

Der schwierigste Teil: Deine innere Stimme aushalten

Der Moment, in dem du die Worte aussprichst, wird sich eklig anfühlen. Deine innere Stimme wird schreien: „Du Versager! Jetzt denken sie, du packst es nicht!“


Diese Stimme gehört einem alten Anteil in dir, der glaubt, dass Grenzen setzen Gefahr bedeutet. Aber das Gegenteil ist wahr. Im Jahr 2026 (und darüber hinaus) ist Selbstführung die wichtigste Kompetenz. Wer seine Grenzen nicht kennt, ist als Führungskraft oder Fachexperte nicht tragbar, weil er unberechenbar wird.


Merke: Ein Auto, das ständig im roten Drehzahlbereich fährt, kommt vielleicht schneller ans Ziel, aber der Motor wird den nächsten Sommer nicht erleben. Willst du ein Schrotthaufen sein oder ein Langstreckenläufer?


...ein letzter Gedanke

Vielleicht ist die Frage gar nicht: „Wie sage ich meinem Chef, dass ich überlastet bin?“ Vielleicht lautet die eigentliche Frage: „Warum ist mir die Meinung meines Chefs wichtiger als meine eigene Gesundheit?“


Grenzen zu setzen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist das ultimative Zeichen von Professionalität. Wer „Nein“ sagt, schützt sein „Ja“. Sein „Ja“ zur Qualität, sein „Ja“ zur Firma und vor allem sein „Ja“ zu sich selbst.


Fang heute an. Welches Projekt auf deiner Liste ist eigentlich gar nicht deins?


Ich bin Arbeitspsychologin und wenn du merkst, dass du ständig über deine Grenzen gehst, um zu funktionieren, lohnt sich ein genauerer Blick auf die inneren Muster dahinter...denn vor dem Burnout kannst du noch handeln...



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