Warum ich all das in der Beziehung mitgemacht habe
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Deine Zeit an der Seite eines schwierigen Mannes
Sie ist immer noch da, klein, am Rand der Tischplatte, dort wo etwas mit voller Wucht aufgeschlagen ist. Für alle anderen ist es eine Schramme im Holz. Für dich ist es ein Mahnmal für einen Moment, in dem er völlig außer sich war und du wie erstarrt dagestanden hast, ausgeliefert, hilflos, überfordert von der geballten Wucht seiner Emotion. Im Moment selbst gab es nur eine Frage in dir: wie schlimm ist das gerade, wird es noch schlimmer, was muss ich tun, damit es aufhört.
Seine Emotion hat den ganzen Raum eingenommen, und du hast sie bewertet, eingeordnet, verwaltet. Erst im Rückblick fällt auf, was in diesem Moment keinen Platz hatte: deine eigene Angst. Sie war da, real und berechtigt, du hast sie nur nicht als Erste behandelt. Du hast seine Emotion zur wichtigeren erklärt und deine eigene stillschweigend hintenangestellt.
Selbstverrat in kleinen Momenten
Die Schramme ist ein lauter Moment, deutlich sichtbar, kaum zu übersehen. Die meisten Momente, um die es hier geht, waren leiser als das. Alles war aber irgend wie Selbstverrat. Es waren sehr viele Momente, in denen du dich selbst zurückgestellt hast, ohne dass es jemand von dir verlangt hätte. Diese leiseren Momente waren einzeln betrachtet meist zu klein, um sie überhaupt zu bemerken. Erst in der Summe erzählen sie eine andere Geschichte, dieselbe Geschichte, die die Schramme im Tisch auf einen Schlag erzählt hat.
Nicht das Warum ist die Aufgabe
Es liegt nahe, jetzt nach einer Erklärung zu suchen. Warum habe ich das mitgemacht, was war das für ein Muster, woher kommt das bei mir. Diese Fragen sind nicht falsch, aber sie können auch eine neue Art von Aufschub sein, ein weiteres Projekt, mit dem du dich beschäftigst, bevor du dich dem eigentlich Schwereren stellst.
Es ist die einfache, unbequeme Tatsache: Es ist passiert. Du hast dich in diesen Momenten zurückgenommen, kleingemacht, übergangen, und zwar durch dich selbst.
Die Verarbeitung beginnt nicht mit dem Verstehen des Mechanismus oder gar in dem ewigen Analysieren seiner "Manipulationsstrategien". Du darfst erstmal aushalten und anerkennen.
Der Abend, den du dir selbst verboten hast
Der Konzertabend war kein Einzelfall. Es gab viele solcher Abende, Verabredungen, Pläne, die du abgesagt hast, obwohl niemand ein Wort gesagt hatte. Du hast in seinem Gesicht gelesen, wie es ihm gerade geht, und daraus eine Erlaubnis für dich selbst abgeleitet oder eben nicht. Im Rückblick ist das der eigentliche Kern: nicht er hat dir etwas verboten. Du hast es dir selbst verboten, in seinem Namen. Diese Abende kommen nicht zurück. Das darf ehrlich wehtun, ohne dass du dir gleichzeitig erklärst, warum es damals so kommen musste.
Wie aus einer Frage eine andere wurde
Es gab eine Zeit, da war die erste Frage am Morgen, wie es dir selbst geht. Irgendwann, schleichend, wurde daraus eine andere Frage: wie geht es ihm heute, hat er geschlafen, ist er okay, was braucht er. Diese Frage stand am Anfang jedes Tages, bevor du überhaupt bei dir selbst angekommen warst. Niemand hat dir gesagt, dass du sie stellen sollst. Du hast sie dir selbst beigebracht, aus Liebe, aus Sorge, aus dem Wunsch, dass es gut wird.
Die Fassade, die du allein getragen hast
Eine Freundin fragt, warum er heute nicht mitkommt. Eine Erklärung ist sofort da, harmlos, plausibel, erfunden. Du hast sie nicht gelogen, um zu täuschen. Du hast sie gesagt, weil du dachtest, er kann das gerade nicht auch noch gebrauchen, dass andere sehen, wie es ihm wirklich geht. Was dabei verloren ging, war der Ort, an dem du selbst hättest sagen können, wie es dir geht. Die Fassade hatte Platz für ihn. Für dich war darin kein Platz vorgesehen. Manchmal ist diese Fassade über Jahre gewachsen, bis selbst die engsten Menschen nicht mehr wussten, wie es dir wirklich ging. Das darfst du jetzt aussprechen, auch wenn es sich anfühlt, als würdest du im Nachhinein jemanden bloßstellen, der nicht mehr da ist, um sich zu erklären.
Der Moment, in dem du aufgehört hast, dir selbst zu vertrauen
Der tiefste dieser Momente sieht von außen unspektakulär aus. Etwas fühlt sich falsch an, ein Satz, eine Reaktion, ein Gefühl in der Brust, das etwas nicht stimmt. Und bevor du dieser Wahrnehmung nachgehst, kommt die nächste Frage: liegt das an seiner Erkrankung, bin ich zu wenig verständnisvoll, verlange ich zu viel, müsste ich nicht mehr Geduld haben. Du hast nicht aufgehört, ihn zu verstehen. Irgendwann hast du aufgehört, dich selbst zu verstehen. Genau das ist der Punkt, an dem der Selbstverrat am wenigsten sichtbar und am folgenreichsten war, weil er nicht in einer einzelnen Handlung lag, sondern in der Art, wie du über dich selbst nachgedacht hast.
Weitere solcher Momente, zum Wiedererkennen
Vielleicht erkennst du dich auch hier. Bei der Verantwortung: Aufgaben übernommen, die eigentlich seine waren, ohne ihn zu fragen, ob er sie geschafft hätte.
Ihn aus unangenehmen Situationen herausgeholt, die er selbst hätte tragen müssen.
Seine berufliche Verantwortung stillschweigend mitgetragen.
Bei der Familie: seine Stimmung zum Projekt aller gemacht.
Kinder emotional auf ihn eingestellt, leiser sein, jetzt nicht fragen.
Bei der eigenen Wahrnehmung: ihn immer wieder entschuldigt, bis für die eigene Verletzung kaum noch Raum war.
Seine Therapie organisiert, bis du seine Diagnose besser kanntest als er selbst.
Eine Krise für ihn geheim gehalten und die Last allein getragen.
Seine Entscheidungen für ihn getroffen, gut gemeint, aber ohne dass er darum gebeten hatte.
Dich selbst kleiner gemacht, damit dein Glück ihn nicht noch mehr schmerzt.
Deine eigene Wut in Verständnis umgewandelt, bis du nicht mehr wusstest, ob du noch mitfühlst oder dir das Fühlen selbst verboten hast.
Eine Trennung immer wieder verschoben, nicht weil du an die Beziehung geglaubt hast, sondern weil du dachtest, du dürftest ihn jetzt nicht verlassen.
Dich sanft damit konfrontieren, statt zu verdrängen oder zu verurteilen
Dich diesen Momenten zu stellen, muss nicht bedeuten, sie dir in aller Härte vorzuhalten. Eine Möglichkeit ist ein ruhiger Moment am Abend, in dem du dir eine einzige, unaufgeregte Frage stellst: Gab es heute eine Situation, in der ich mich selbst zurückgestellt habe, ohne dass es nötig gewesen wäre? Die Antwort muss nicht sofort da sein. Manchmal reicht es, die Frage zu stellen und zu merken, dass sie überhaupt gestellt werden kann, was früher vielleicht gar nicht der Fall war. Diese Konfrontation ist ein zarter Blick in einen Spiegel, den du dir lange nicht erlaubt hast, freundlich und genau zugleich. Manche Frauen schreiben diese Momente auf, andere sprechen sie laut aus, wieder andere brauchen dafür ein Gegenüber, das zuhört, ohne gleich zu bewerten. Wichtig ist weniger die Form als die Wiederholung, ein einziger Moment des Hinsehens verändert wenig, viele kleine schon.
Wer du eigentlich sein willst
Vielleicht bist du bei der Arbeit diejenige, die klar sagt, was sie braucht, die eine Gehaltsverhandlung führt, ohne zu zögern, die einem Kollegen widerspricht, wenn sie anderer Meinung ist. Vielleicht bist du für deine Freundinnen die, die sofort merkt, wenn jemand über ihre eigenen Grenzen geht, und die das auch ausspricht. Diese Frau kennst du gut, sie ist genauso echt wie die Frau, die abends die Jacke wieder aufgehängt hat, ohne zum Konzert zu gehen. Der Unterschied lag nicht an dir als Person, eher an der Rolle, in der du dich befunden hast. In einer Beziehung mit einem Menschen, dessen Zustand sich jederzeit verschlechtern konnte, hat sich etwas in dir gemeldet, das in anderen Bereichen deines Lebens kaum zum Vorschein kommt. Sich zu fragen, wer du eigentlich sein willst, heißt hier ganz konkret: welche deiner Werte, Klarheit, Fairness dir selbst gegenüber, das eigene Wohlergehen als etwas, das zählt, in dieser einen Rolle keinen Platz hatten, obwohl sie in jeder anderen selbstverständlich waren.
Was dir heute noch im Weg steht
Auch jetzt, nach der Trennung, zeigt sich das manchmal noch, in kleineren, harmloseren Situationen. Ein Wunsch, den du zurückhältst, weil du zuerst prüfst, ob er gerade passend erscheint. Eine Verabredung, bei der du erst zusagst, nachdem du überlegt hast, ob es für alle anderen passt, die eigene Lust daran zuletzt gefragt. Ein Bedürfnis, das du bemerkst und trotzdem nicht aussprichst, aus einer Gewohnheit heraus, die länger gebraucht hat, sich zu bilden, als sie brauchen wird, um wieder zu verschwinden. Das bedeutet nicht, dass du zurückfällst. Es zeigt, dass ein Muster, das über Jahre eingeübt wurde, nicht mit der Trennung selbst verschwindet, sondern weiter bearbeitet werden will, gerade in solchen kleinen, alltäglichen Situationen, in denen es jetzt leichter fällt, es überhaupt zu bemerken.
Eine echte Herausforderung ehrlich benennen
Dabei darf eines nicht untergehen: Ein Partner, dessen psychische Erkrankung sein Verhalten unvorhersehbar macht, ist eine reale Belastung, keine Einbildung und kein Vorwand für mangelnde Selbstfürsorge. Dass gerade in einer so fordernden Situation die eigenen Muster sichtbar wurden, sagt wenig darüber aus, wie eigenständig oder klar du sonst bist. Es zeigt eher, wie sehr eine echte Ausnahmesituation genau die Stellen einer Frau berührt, die sonst kaum gefordert werden.
Verarbeiten heißt anerkennen, nicht erklären
Es ist passiert. Diesen einen Satz auszuhalten, ohne ihn sofort mit einer Erklärung, einer Entschuldigung oder einem Verständnis für die damalige Situation abzufedern, ist der eigentliche Schritt. Also nicht warum, aber dass es so war. Von dort aus darf die Trauer kommen, um die Abende, die Freundschaften, die Fragen an dich selbst, die du dir lange nicht gestellt hast. Und von dort aus, nicht vorher, beginnt langsam wieder das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, die dir all die Zeit über eigentlich schon gesagt hatte, was los war.
Häufige Fragen zu was man alles mitmacht in einer Beziehung
Ist das, was ich erlebt habe, Co-Abhängigkeit?
Co-Abhängigkeit ist kein offizieller Diagnosebegriff. Es ist eher ein Alltagswort für ein Muster: das eigene Wohlbefinden so stark an eine andere Person zu koppeln, dass die eigenen Bedürfnisse dabei aus dem Blick geraten. Ob dieses Wort für dich passt oder nicht, ändert nichts daran, dass das, was du erlebt hast, real war und dass es sich lohnt, es anzusehen. Ich persönlich mag den Begriff nicht. Es gibt aber auch kein "Label" was besser passt.
Muss ich verstehen, warum ich geblieben bin, bevor ich weiterkommen kann? Nein.
Das Verstehen kann helfen, ist aber nicht die Voraussetzung. Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass es passiert ist. Die Erklärung darf sich später einstellen, oder auch gar nicht vollständig, ohne dass das die Verarbeitung aufhält.
Warum schäme ich mich noch heute dafür, obwohl ich weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe?
Scham verschwindet nicht automatisch, nur weil der Kopf eine andere Erklärung kennt. Sie sitzt oft in denselben kleinen Momenten, über die dieser Artikel spricht, und braucht dieselbe Art von wiederholtem, sanftem Hinsehen, nicht eine einzelne Einsicht.
Wie spreche ich mit meinem Umfeld darüber, ohne mich rechtfertigen zu müssen?
Du schuldest niemandem eine vollständige Erklärung. Ein einfacher Satz reicht oft aus, etwa dass die Beziehung dich viel Kraft gekostet hat und du gerade dabei bist, das für dich zu ordnen. Alles Weitere darfst du für dich behalten.
Ich bin Eva, Psychologin, und arbeite mit Frauen in oder nach Beziehungen in denen sie sich selbst verlieren.
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