Beziehungsdynamik mit einem psychisch kranken Partner
- Eva
- 20. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Diese Beziehung hat mittlerweile Raum für so gut wie alles andere in deinem Leben verdrängt. Du versuchst, sie zu steuern, seine Stimmung, seine nächsten Schritte, den Verlauf des Abends, bevor er überhaupt begonnen hat. Und trotzdem hast du das Gefühl, nichts davon wirklich in der Hand zu haben. Du würdest ihn gerne retten. Aber so sehr du es versuchst, er lässt sich nicht retten, jedenfalls nicht von dir.
Was dich am Anfang zu ihm hingezogen hat, ist wahrscheinlich noch da, irgendwo in der Erinnerung. Aber es hat sich seitdem nichts bewegt. Kein Fortschritt, keine Entwicklung, nur derselbe Kreislauf, Monat für Monat.
Was Liebe ist, und was sich nur so anfühlt
Liebe ist Vertrauen.
Sie ist Verantwortung für das eigene Verhalten.
Sie ist Respekt, echtes Interesse aneinander, Konflikte, die ohne Angst ausgetragen werden können, und die Abwesenheit von Druck.
Sie ist Ehrlichkeit, auch wenn sie unbequem ist.
Sie ist Geduld und Verlässlichkeit über Zeit.
Sie lässt Raum, damit jede und jeder auch für sich allein sein darf.
Sie ist Fürsorge, die nichts zurückverlangt. Und sie hält auch stille, unspektakuläre Phasen aus, ohne dass sich jemand deswegen sorgt.
Manches fühlt sich wie Liebe an, ist es aber nicht
Eifersucht.
Extreme Intensität.
Nähe, die sich wie eine Belohnung anfühlt, die man sich erst verdienen muss.
Das Gefühl, gebraucht zu werden.
Der Wunsch, jemanden retten zu wollen.
Dramatische Leidenschaft, die sich größer anfühlt als ruhige Verbundenheit.
Kontrolle, die als Fürsorge daherkommt.
Ein Auf und Ab, das sich wie Beweis für echte Gefühle anfühlt.
Die Angst, den anderen zu verlieren, die man für Bindung hält.
Und eine Nähe am Anfang, die so schnell und intensiv kam, dass für Zweifel gar keine Zeit blieb.
Was dich am Anfang angezogen hat, war vermutlich eher die zweite Liste als die erste. Das macht es nicht falsch, dass du dich verliebt hast. Es erklärt aber, warum sich diese Beziehung so intensiv anfühlt und trotzdem so wenig von dem trägt, was tatsächlich stabil macht.
Eine Wahrheit, die schwer auszusprechen ist: Er ist ein erwachsener Mann. Verantwortung für sich selbst zu übernehmen ist seine Aufgabe, nicht deine, so sehr du dir auch wünschst, das für ihn übernehmen zu können.
Er verspricht, du hoffst, nichts ändert sich
Er sagt, er sucht sich endlich eine Therapie. Du atmest auf, glaubst ihm, hoffst wieder wirklich. Für eine Weile wird es ruhiger zwischen euch. Wochen später ist nichts passiert, aber es kommt ein neuer Satz, ein Medikament, das er ausprobieren will, eine Gruppe, zu der er gehen möchte. Du hoffst wieder. Verändert hat sich nichts, außer dass die Beziehung genau so weiterläuft wie zuvor.
Verantwortung, die einfach bei dir landet
"Wenn es dich stört, mach es halt." "Du bist doch die Organisierte von uns beiden." Sätze wie diese verschieben Verantwortung zu dir, ohne dass darüber je gesprochen wurde. Übernimmst du, muss er sich mit den Folgen seines Verhaltens nie auseinandersetzen, und das macht es beim nächsten Mal noch leichter für ihn, dieselbe Verschiebung zu versuchen.
Zwischen viel Nähe und plötzlichem Rückzug
Manchmal ist er ganz nah, braucht dich, sucht deine Nähe. Kurz darauf zieht er sich zurück, wird gereizt oder unerreichbar, ohne dass sich äußerlich viel verändert hätte. Diese Unvorhersehbarkeit hält dich in ständiger Habachtstellung, du beobachtest seine Stimmung, bevor du überhaupt weißt, worum es gerade geht.
Du hältst die Luft an, damit nichts eskaliert
Du sprichst manche Themen gar nicht mehr an. Du gehst durch den Alltag, als würdest du auf Zehenspitzen laufen, immer bereit, eine mögliche Reibung schon im Vorfeld zu glätten. Das fühlt sich in dem Moment sicherer an, sorgt aber langfristig dafür, dass er nie lernt, mit Konflikt umzugehen, weil du ihm das konsequent erspart hast.
Grenzen, die einfach wieder aufweichen
Du setzt eine Grenze. Er reagiert mit Rückzug, Vorwürfen, oder er verhandelt so lange, bis du nachgibst. Danach weißt du beide etwas Unterschiedliches: Er weiß, dass Grenzen verhandelbar sind. Du hast gelernt, dass eine Grenze zu setzen etwas gefährlich Riskantes ist.
Wenn es kein Muster mehr ist, sondern gezielt
Das meiste hier entsteht ohne bösen Willen, gewachsen aus Überforderung und Angst, auf beiden Seiten. Es gibt aber eine Grenze, ab der daraus etwas Schwerwiegenderes wird, wenn ein Verhalten gezielt eingesetzt wird, um dich zu kontrollieren oder klein zu halten.
Was bleibt, wenn du aufhörst, ihn retten zu wollen
Du kannst seine Erkrankung nicht heilen, seine Entscheidungen nicht treffen, seine Verantwortung nicht für ihn tragen. Was du kannst, ist, deinen eigenen Anteil an diesem Kreislauf zu erkennen, dein Auffangen, dein Hoffen, dein Glätten, und dir die Frage zu stellen, was davon dir eigentlich guttut und was nicht.
Ihr passt als Paar womöglich sehr gut zusammen, eure Muster greifen ineinander. Das heißt aber nicht, dass alles in Ordnung ist. Zwei Menschen können gut zusammenpassen und trotzdem in etwas feststecken, das keinem von beiden auf Dauer guttut.
Häufige Fragen zu Beziehungsdynamik wenn ein Partner psychisch krank ist
Kann ich meinen Partner dazu bringen, sich zu ändern?
Nur begrenzt. Du kannst deinen eigenen Anteil an der Dynamik verändern, seine Verantwortung für sich selbst kannst du ihm nicht abnehmen.
Muss mein Partner eine bestimmte Diagnose haben, damit das hier zutrifft?
Nein. Diese Muster zeigen sich unabhängig von der genauen Diagnose, bei Depression genauso wie bei Sucht oder ausgeprägter Impulsivität, manchmal auch ganz ohne psychische Erkrankung im Hintergrund.
Warum verändert sich über Jahre so wenig?
Weil sein Verhalten und dein Umgang damit sich gegenseitig stabilisieren. Solange du auffängst, muss er sich nicht verändern.
Ist es normal, dass mich das so sehr belastet?
Ja. Eine schwierige Beziehung mit einem psychisch belasteten Partner betrifft auch dich, nicht nur ihn. Diese Belastung wird oft übersehen, auch von dir selbst.
Ich bin Eva, Psychologin, und arbeite mit Frauen in Beziehungsdynamiken die ihr subtil schaden.
Eine Übersicht zu meinen Blogbeiträgen zum Thema Psychische Erkrankung in der Partnerschaft findest du hier:


