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Psychische Erkrankung ist kein Freibrief: Was in deiner Beziehung noch normal ist

14. Apr.
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Er hat dich wieder angeschrien, wegen etwas Kleinem. Der Teller stand an der falschen Stelle, deine Antwort kam ihm zu knapp vor, ein Satz klang in seinen Ohren nach Vorwurf. Danach saß er da und sagte, du müsstest doch verstehen, dass er gerade nicht anders kann. Du hast genickt. Weil es ja irgendwie stimmt: Er kämpft wirklich, und du siehst, wie schlecht es ihm geht. Aber ist seine Erkrankung stets ein Freibrief für jedes Verhalten?


Und trotzdem fragt sich ein Teil von dir leise: Wie lange soll das so weitergehen? Was ist hier eigentlich noch normal? Vor einem Jahr hättest du manches, was heute alltäglich ist, vermutlich nicht hingenommen. Du weißt nur nicht mehr genau, wann sich das verändert hat.


Du darfst diese Frage stellen. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie sich in Beziehungen mit einem psychisch belasteten Partner ein eigenes Normal entwickelt, in dem die Erkrankung irgendwann alles erklärt, und warum du dich einer Diagnose nicht beugen musst.


Es zählt, wie es sich für dich anfühlt


Ist das jetzt noch die Krankheit oder schon etwas anderes? Du musst diese Frage gar nicht beantworten können, um dich selbst ernst zu nehmen.


Die entscheidende Frage lautet: Wie geht es DIR in dieser Beziehung, unabhängig davon, welche Diagnose im Hintergrund steht? Eine Erkrankung erklärt, warum jemand Schwierigkeiten hat. Sie erklärt Antriebslosigkeit, Angst, Reizbarkeit oder Rückzug. Sie ist aber keine Erlaubnis, einen anderen Menschen dauerhaft zu entwerten, zu kontrollieren oder emotional unter Druck zu setzen. Dass beides gleichzeitig wahr sein kann, macht die Situation so schwer auszuhalten: Er leidet wirklich, und DU leidest auch.


Das eigene Normal entsteht schleichend


Keine dieser Beziehungen beginnt mit Gewalt oder Abwertung. Sie beginnen mit einem Menschen, der es schwer hat, und einem anderen, der helfen will. Er hat Phasen, in denen er gereizt, überfordert, ängstlich oder zurückgezogen ist. Du merkst, welche Themen, Tonlagen und Zeitpunkte Spannung auslösen, und stellst dich darauf ein. Das funktioniert, die Abende werden ruhiger.



Für ihn heißt die Erfahrung: Wenn es eng wird, wird es leichter.

Für dich heißt sie: Wenn ich mich zurücknehme, bleibt es stabil.


Beides verfestigt sich mit jeder Wiederholung. Er muss weniger aushalten, du hältst mehr aus. Was als Anpassung an eine Erkrankung begann, wird zur Gewohnheit der Beziehung.


Dabei entsteht schleichend etwas, das niemand beschlossen hat: ein eigenes Normal. Wie laut gesprochen wird, wie viel Rückzug üblich ist, welche Themen tabu sind, wer sich wann erklärt und wer wann nachgibt. Mit der Zeit gelten diese Regeln als selbstverständlich. Du fragst nicht mehr, ob sie angemessen sind. Du fragst nur noch, wie du sie einhältst, damit es ruhig bleibt.


Die Grenze wandert, und niemand hat es gemerkt


Dieses Normal bleibt nicht stehen. Gestern war es ein lauter Ton, heute ein Vorwurf, der nicht stimmt, nächste Woche ein Verbot, das du kaum bemerkst. Jede einzelne Verschiebung ist klein genug, um sie zu erklären: Er war gestresst, es ging ihm schlecht, er hat es nicht so gemeint. Du erklärst dir jedes Mal, warum es diesmal verständlich war. Und er, der es vielleicht gar nicht bewusst steuert, lernt, dass seine Belastung als Erklärung genügt.



Niemand hat die Grenze absichtlich verschoben, und trotzdem liegt sie heute weit von dort entfernt, wo sie anfangs lag. Dass beide daran mitwirken, er unbewusst, du aus Zuneigung und Verantwortungsgefühl, macht es so schwer zu erkennen.


Wenn die Erkrankung zur Rechtfertigung für alles wird


Irgendwann wird aus Erklärung Rechtfertigung. Du erkennst diesen Punkt an Sätzen wie diesen:


“Du weißt doch, dass ich das gerade nicht kann.”

“Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du das verstehen.”

“Ich bin eben so, wegen meiner Vergangenheit, meiner Belastung.”

“Du hast keine Ahnung, wie es mir geht.”


Jeder dieser Sätze kann in einer ehrlichen Stunde wahr sein. Als Dauerantwort auf jede Kritik, jede Grenze und jeden Wunsch sorgt er dafür, dass über sein Verhalten nicht mehr gesprochen werden kann. Du lernst, dass dein Anliegen ein Angriff auf einen kranken Menschen ist. Deine Bedürfnisse werden zum Beweis, dass du nicht genug Verständnis hast. Dein Ärger gilt als Mangel an Mitgefühl. Und manchmal wird, was tatsächlich passiert ist, im Nachhinein anders erzählt, bis du selbst nicht mehr sicher bist.


Du fängst an, dich für Gedanken zu schämen, die völlig normal sind: dass du müde bist, dass du dir etwas anderes wünschst, dass du wütend bist.



Die Komfortzone von euch beiden ist eine andere als die objektive


Jeder Mensch hat einen Bereich, in dem er sich sicher und vertraut fühlt. In dieser Beziehung ist dieser Bereich für euch beide anders zugeschnitten, als er in einer anderen Beziehung wäre. Ein psychisch belasteter Mensch kann Konflikte, Lautstärke und Spannung oft besser aushalten, weil sie für ihn zum gewohnten Zustand gehören. Du als anpassungsbereiter Mensch hast gelernt, mit Vermeidung, Wachsamkeit und Zurückhaltung zu leben, bis sich auch das vertraut anfühlt.


Beide Komfortzonen stützen einander. Seine braucht dein Entgegenkommen, deine braucht seine Ruhe. Verlässt einer von euch sie, wird es unbequem, und zwar für beide. Deshalb fühlt sich jede Veränderung zunächst wie eine Bedrohung an, auch eine, die objektiv gut wäre. Was erschreckt, ist der Verlust des Vertrauten, die Veränderung selbst ist es oft gar nicht.


Entscheidend ist: Diese gemeinsame Komfortzone ist kein Maßstab dafür, was in Ordnung ist. Sie sagt dir, woran ihr euch gewöhnt habt.


Ohne Außenwelt fehlt der Maßstab


Normalerweise hilft uns die Außenwelt, solche Verschiebungen zu bemerken. Eine Freundin hört zu und fragt irritiert nach. Eine Kollegin reagiert überrascht auf eine Erzählung. Ein Familienmitglied sagt etwas, das hängen bleibt. In Beziehungen mit einem psychisch belasteten Partner schrumpft dieser Austausch oft. Du schämst dich, erklärst nicht mehr alles, erzählst die guten Momente und lässt die schlechten weg. Ihr verbringt mehr Zeit zu zweit, sprecht weniger mit anderen und habt immer weniger Vergleichswerte.


Dann entscheidet ihr beide allein, was normal ist. Und weil das Normal langsam gewachsen ist, fehlt der Moment, in dem etwas auffällt. Die Frage “Was geht eigentlich noch und was nicht?” fällt dann schwer, weil die Maßstäbe, mit denen du sie beantworten könntest, nicht mehr greifbar sind.




Was die Erkrankung erklärt und was sein Umgang damit ist


Eine Erkrankung kann Gefühle erklären: Traurigkeit, Angst, Einsamkeit, Überforderung, Reizbarkeit. Diese Gefühle entstehen zu großen Teilen unwillkürlich, und dafür kann er wenig. Wenn du gehst, obwohl es ihm schlecht geht, darf er das ehrlich sagen. “Ich fühle mich einsam und traurig, wenn du heute Abend ausgehst” ist ein völlig legitimer Satz.


Entscheidend ist, was danach passiert. Akzeptiert er deine Entscheidung, auch wenn sie ihn traurig macht, bewegt ihr euch im normalen Rahmen einer Partnerschaft. Reagiert er mit tagelangem Schweigen, mit Vorwürfen oder Drohungen, oder verhandelt er so lange, bis du zu Hause bleibst, geht es nicht mehr um das Gefühl. Dann ist es ein Verhalten, das deine Entscheidung verändern soll.


Das lässt sich an vielen Alltagssituationen unterscheiden:


Dass er sich überfordert fühlt, wenn viel gleichzeitig ansteht, kann zur Erkrankung gehören. Ob er dir daraufhin Vorwürfe macht oder sagt “Ich habe gerade wenig Kapazität”, ist seine Entscheidung.


Dass er misstrauisch wird, wenn Verlustangst Teil seiner Belastung ist, lässt sich nachvollziehen. Ob er dich deshalb kontrolliert, dein Handy durchsieht oder dir Kontakte verbietet, ist ein eigenes Verhalten und keine zwangsläufige Folge der Angst.


Dass er sich zurückzieht, kann Symptom sein. Ob er dir sein Schweigen als Strafe spüren lässt, bis du einlenkst, ist etwas anderes.


Dass er unter Druck gereizt reagiert, ist menschlich. Ob du danach diejenige bist, die sich entschuldigt, obwohl er laut geworden ist, sagt etwas über die Dynamik zwischen euch.


Hinzu kommt, dass psychisch belastete Menschen ihre inneren Zustände oft sehr stark nach außen tragen. Wenn er “Du machst mich so wütend” sagt oder “Wenn du nicht wärst, ginge es mir besser”, wird das, was in ihm vorgeht, bei dir abgeladen. Du bist im Umgang damit vermutlich weniger geübt und fühlst dich schnell zuständig.




Du darfst Verhalten verurteilen


An dieser Stelle liegt oft die größte innere Hürde: Darf ich überhaupt sagen, dass etwas nicht in Ordnung war, wenn ich weiß, warum er so reagiert?

Die Antwort ist ja.


Es lohnt sich, zwei Dinge zu trennen. Du darfst seine Erkrankung verstehen, seine Not sehen und ihn als Menschen mögen. Und du darfst gleichzeitig sagen: “Dieses Verhalten ist für mich nicht in Ordnung.” Das eine hebt das andere nicht auf. Wenn du ein Verhalten ablehnst, fällst du kein Urteil über seine Krankheit und über seinen Wert als Mensch. Du benennst, was bei dir ankommt.


Einen Menschen mit Diagnose als verantwortlich für seine Handlungen zu sehen, ist keine Herabsetzung. Es nimmt ihn ernst. Wer immer nur als Opfer seiner Symptome betrachtet wird, bekommt nie die Chance, etwas anders zu machen. Wenn du alles mit der Erkrankung erklärst, nimmst du ihm auch die Möglichkeit, an seinem Anteil zu arbeiten.


Bewusst oder unbewusst, der Effekt bleibt derselbe


Die meisten Menschen, die sich so verhalten, tun das nicht mit klarem, bösartigem Kalkül. Für ihn selbst fühlt es sich oft wie Selbstschutz an und weniger wie ein Angriff auf dich. Wer überfordert ist, sucht Kontrolle, und wer Angst hat, sucht Sicherheit, auch auf Kosten anderer.

Das ist verständlich.

Es verändert aber nichts daran, was es mit dir macht. Die Erschöpfung, die Verunsicherung und das Kleinwerden bleiben dieselben, ob er es steuert oder nicht.



Ein Unterschied lohnt sich trotzdem zu beobachten. Sprichst du ein Verhalten ruhig an und es bewegt sich daraufhin etwas, spricht das eher für einen unbewussten Automatismus. Bleibt es bestehen, obwohl du es wiederholt benannt hast, oder wird seine Erkrankung gezielt genutzt, um Kritik abzuwehren oder dich klein zu halten, ist das ein deutlich schwereres Signal.

Du darfst Grenzen setzen


Eine Grenze ist keine Strafe und kein Ultimatum. Sie beschreibt, was du tust, wenn etwas passiert, das für dich nicht in Ordnung ist. Sie bezieht sich auf dein eigenes Handeln und verlangt von ihm kein bestimmtes Gefühl. Das macht sie fair, auch wenn er leidet. Eine Grenze zu setzen heißt außerdem, dein eigenes Normal wieder an dem zu messen, was du für dich als angemessen empfindest, und nicht an dem, was in der Beziehung gewohnt ist.


Das kann ganz konkret so aussehen:


“Wenn du schreist, verlasse ich den Raum. Wir sprechen weiter, wenn es ruhiger ist.”


“Ich bleibe heute Abend nicht zu Hause. Ich verstehe, dass dich das traurig macht, und ich gehe trotzdem.”


“Ich lasse mir nicht sagen, ich sei schuld an deiner Wut. Ich bin gern für dich da, aber ich bin nicht dafür verantwortlich.”


“Ich möchte, dass du mit jemandem über das sprichst, was dich so belastet. Ich kann das nicht allein tragen.”


Ein paar Dinge helfen, wenn du das ausprobierst. Sag die Grenze in einem ruhigen Moment und nicht mitten in der Eskalation. Halte sie dann auch, denn eine Grenze, die nur ausgesprochen und nie umgesetzt wird, lernt er schnell zu überhören. Rechne damit, dass es anfangs unangenehmer wird, bevor es besser wird: Er wird möglicherweise enttäuscht, verletzt oder wütend reagieren, weil sich etwas verändert, das bisher funktioniert hat. Das ist kein Beweis, dass die Grenze falsch war. Es zeigt, dass sie etwas bewegt.




Häufige Fragen zu psychische Erkrankung als Freibrief für Verhalten



Mein Partner hat eine diagnostizierte Depression, aber er beleidigt mich ständig. Bin ich zu empfindlich?

Nein. Eine Depression kann Reizbarkeit verstärken, aber sie nimmt einem Menschen nicht die Fähigkeit, sich nach einem Ausbruch zu entschuldigen. Wenn die Erkrankung als Rechtfertigung für respektloses Verhalten dient, verlasst ihr den Bereich der Symptomatik. Du darfst Verletzungen als Verletzungen benennen, auch wenn es eine Diagnose gibt. Wer lange in einer solchen Dynamik lebt, verliert oft das Gefühl für Normalität. Dass du nachfragst, zeigt, dass dein Maßstab noch da ist.

Meistens nur, wenn er selbst Verantwortung dafür übernimmt. Ein Satz wie “Ich bin eben so wegen meiner Erkrankung” reicht dafür nicht aus. Veränderung beginnt dort, wo die Erklärung nicht mehr als Ausrede dient. Das hängt von ihm ab. Ob du bleibst, wartest oder gehst, hängt von dir ab.



Ich bin Eva, Psychologin, und arbeite mit Frauen in Beziehungen in denen sie sich selbst verlieren.





Eine Übersicht zu meinen Blogbeiträgen zum Thema Psychische Erkrankung in der Partnerschaft findest du hier:





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Über die Autorin: 

Dr. Eva Winkler ist Diplom-Psychologin und Coach. Sie begleitet Frauen, die viel tragen und sich dabei selbst aus dem Blick verlieren. Es geht um psychische Erkrankungen innerhalb von Beziehungen, Funktionieren-müssen und den Weg zu sich selbst.

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inmut: Mut nach innen, um zu verändern. 

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