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Konflikte aushalten lernen: Wenn der erste Streit in dir stattfindet

30. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Okt.

Es ist vielleicht so ein Sonntagnachmittag. Du merkst, dass du dringend einen Abend für dich brauchst, vielleicht eine Verabredung mit einer Freundin, vielleicht einfach Stille. Gleichzeitig siehst du, wie er auf dem Sofa sitzt, in sich gekehrt, und eine Stimme in dir sagt: "Er hat es gerade so schwer. Wie kannst du da an dich denken?"

Eine zweite Stimme sagt: "Du hast doch ein Recht darauf."

Eine dritte sagt: "Ach, so wichtig ist es nicht."

Du hast noch kein Wort gesagt, und es ist schon ein Streit. Er findet nur in dir statt.


Der erste Konflikt ist ein innerer


Wenn du dich selbst als anpassungsbereit erlebst, gehst du Streit nach außen vermutlich schon lange aus dem Weg. Das Anstrengende daran ist, dass der Konflikt damit nicht verschwindet... Er verlagert sich nach innen: zwischen dem, was du brauchst, und dem, was du glaubst, geben zu müssen. Dort läuft er oft Tag und Nacht, leise und ohne Ergebnis.


Deshalb beginnt Konflikte aushalten lernen bei dir. Erst wenn du den inneren Streit kennst und eine Weile darin bleiben kannst, wird der Weg nach außen machbar.



Schritt 1: Das Bedürfnis überhaupt bemerken


Viele Frauen in dieser Lage haben sich so lange auf ihn eingestellt, dass der eigene Wunsch gar nicht mehr deutlich auftaucht. Er zeigt sich eher als Unruhe, Gereiztheit oder als das Gefühl, innerlich schon wieder zu seufzen.

Typische Momente: Du sagst "Ist mir egal", wenn es um das Urlaubsziel geht, obwohl es dir nicht egal ist. Du sagst zu, ihn zum Termin zu fahren, und merkst am Steuer, dass du eigentlich anderes vorhattest.


Die Übung für die erste Woche: Notiere abends zwei Situationen, in denen du etwas wolltest und es nicht gesagt hast.

Mehr nicht. Ohne zu bewerten, ohne etwas zu verändern.


Schritt 2: Dem Bedürfnis Raum geben, ohne etwas damit zu tun


Hier wird es oft schon schwer. Du spürst vielleicht Scham: Darf ich das überhaupt wollen? Bin ich egoistisch? Hat er nicht genug Probleme?



Erlaube dir für eine Zeit, dein Bedürfnis nur zu haben. Du musst es niemandem sagen. Schreib es auf: "Ich möchte am Samstag allein sein." "Ich möchte nicht jedes Mal erklären, warum ich müde bin."

Allein das Aussprechen auf Papier ist für viele ein erster ungewohnter Schritt.



Schritt 3: Die inneren Stimmen erkennen


Jetzt tauchen sie meist deutlich auf: Schuld, Angst, Pflichtgefühl, Mitleid. "Wenn ich jetzt gehe, geht es ihm schlechter." "Er schafft das nicht ohne mich." "Dann wird er wieder dicht machen."


Diese Stimmen haben einen Sinn. Sie haben dich lange geschützt und für Ruhe gesorgt. Trotzdem sind sie Gedanken und keine Fakten. Es hilft, sie beim Namen zu nennen: "Das ist gerade mein Schuldgefühl." Oder: "Das ist die Angst vor seiner Reaktion." So gewinnst du einen kleinen Abstand, in dem du wählen kannst.


Schritt 4: Das Schuldgefühl aushalten


Das ist der eigentliche Kern des inneren Konflikts. Wenn du ein Bedürfnis hast, das seinem widerspricht, entsteht Schuld. Die meisten Frauen lösen sie sofort auf: Sie geben nach, entschuldigen sich oder schieben ihr Bedürfnis weg.


Üb stattdessen, das Schuldgefühl eine Weile stehen zu lassen. Es darf da sein, ohne dass du daraus etwas ableitest. Schuldgefühl ist ein Gefühl und sagt nicht automatisch, dass du etwas Falsches tust. Du kannst es atmend im Körper wahrnehmen: Wo sitzt es? Wie fühlt es sich an? Wie lange hält es an, wenn du nichts tust? Meist ist es kürzer, als du befürchtest.


Schritt 5: Prüfen, was du wirklich befürchtest


Hinter dem Zögern steht oft eine Vorstellung davon, was passieren könnte. Schreib sie auf: "Er bricht zusammen." "Er wird wütend." "Er sagt, ich sei schuld." Frag dich dann ehrlich: Was ist in der Vergangenheit tatsächlich passiert, wenn du etwas gesagt hast? Manchmal ist die Antwort beruhigend, manchmal bestätigt sie deine Sorge. Beides ist wichtig zu wissen.



Schritt 6: Der kleinste Schritt nach außen


Jetzt darfst du etwas sagen, und zwar etwas Kleines. Zum Beispiel:


"Ich gehe heute Abend zu Lisa."

"Ich möchte lieber zu Hause bleiben."

"Das schaffe ich heute nicht."


Ein Satz, ohne Begründung, ohne Entschuldigung. Beginne mit Dingen, bei denen die Reaktion überschaubar bleibt. Es geht noch nicht um das große Gespräch.


Schritt 7: Nach dem Satz da bleiben


Das ist der schwerste Moment. Du hast etwas gesagt, und dein Körper schlägt Alarm. Alles in dir will zurücknehmen, erklären, abmildern. Bleib einen Atemzug länger. Sag dir innerlich: "Ich darf das gesagt haben." Wenn er verletzt oder still reagiert, musst du das nicht sofort reparieren. Du kannst freundlich bleiben und trotzdem bei deinem Satz.


Schritt 8: Das eigentliche Gespräch


Wenn du dich im Kleinen sicherer fühlst, kannst du ein größeres Anliegen angehen. Such dafür einen ruhigen Moment, formuliere vorher einen einzigen Satz ("Ich brauche, dass du mir Bescheid sagst, wenn du später kommst") und sprich von dir aus. Ein Thema, ein Gespräch. Du darfst eine Pause vorschlagen und einen Zeitpunkt nennen, zu dem ihr weiterredet. In akuten Krisenphasen ist ein solches Gespräch meist nicht der richtige Moment.


Schritt 9: Danach für dich sorgen


Nach jedem Schritt, ob klein oder groß, darfst du dir Unterstützung holen. Erzähl einer Freundin davon, schreib es auf, geh spazieren. Viele Frauen halten das alles mit sich allein aus, und das verstärkt die Scham. Jemand, der zuhört und nicht bewertet, nimmt viel Last.


Rückschläge gehören dazu


Es werden Tage kommen, an denen du wieder nachgibst. Ein über Jahre eingeübtes Muster löst sich nicht in drei Versuchen. Schau jedes Mal, was ein kleines bisschen anders war. Vielleicht hast du das Bedürfnis zumindest bemerkt. Vielleicht hast du es zwei Stunden später gesagt. Das zählt.


Und du kannst nicht kontrollieren, wie er reagiert. Das ist unbequem und gleichzeitig entlastend, denn es ist dann auch nicht mehr deine Aufgabe, jede seiner Reaktionen vorher abzufedern. Dein Anliegen bleibt berechtigt, auch wenn er es nicht sofort versteht. Was sich auf jeden Fall verändert, ist dein Verhältnis zu dir selbst.


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Über die Autorin: 

Dr. Eva Winkler ist Diplom-Psychologin und Coach. Sie begleitet Frauen, die viel tragen und sich dabei selbst aus dem Blick verlieren. Es geht um psychische Erkrankungen innerhalb von Beziehungen, Funktionieren-müssen und den Weg zu sich selbst.

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inmut: Mut nach innen, um zu verändern. 

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