top of page

Ich schäme mich, wenn er ausrastet

3. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Sept.

Ihr steht auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Ein anderes Auto schneidet knapp vor euch in die Parklücke, auf die ihr seit einer Minute gewartet habt. Ein kurzer Ärger, den jeder kennt. Bevor du überhaupt reagieren kannst, hat dein Partner das Fenster runtergelassen und schreit hinüber. Du spürst, wie die Situation kippt, noch bevor du verstehst, was gerade passiert.


Du greifst ein, bevor es eskaliert


Du kennst diesen Moment vermutlich schon, bevor er passiert. Ein Blick, ein Tonfall, eine Bewegung, und du weißt, es baut sich etwas auf. Also wirst du unmittelbar aktiv. Du legst ihm die Hand auf den Arm, sagst schnell etwas Beschwichtigendes, lenkst ab, gehst selbst auf die andere Person zu, um die Sache zu klären, bevor er es tut. In diesem Moment bist du nicht mehr eine random Beifahrerin. Du bist so etwas wie ein Frühwarnsystem, das ständig mitläuft.


Die Scham, wenn es trotzdem passiert


Was in diesem Moment in dir passiert, ist eine Mischung, die sich fast gleichzeitig aufbaut: Scham, weil ihr beide gerade beobachtet werdet. Angst, weil du nicht weißt, wie weit er noch geht. Und darunter, kaum ausgesprochen, eine Art Erschöpfung, weil du das schon so oft gespürt hast, dass dein Körper reagiert, bevor dein Kopf überhaupt sortiert hat, was passiert. Manche Frauen beschreiben zusätzlich ein Gefühl von Verantwortung, das objektiv gar nicht ihre ist, so als müssten sie im Nachhinein erklären oder wiedergutmachen, was er gerade angerichtet hat.



Die Ohnmacht dahinter


Die ganze Wachsamkeit, das Beschwichtigen, das rechtzeitige Eingreifen: All das fühlt sich an wie ein Versuch, die Situation in der Hand zu behalten. Und genau das ist es auch, ein Versuch.


Denn ob er tatsächlich ausbricht oder nicht, entscheidest nicht du.

Du kannst die Wahrscheinlichkeit senken, den Ton glätten, ablenken, aber du hast keinen Zugriff auf das, was in ihm gerade passiert. Diese Lücke zwischen deinem Aufwand und deinem tatsächlichen Einfluss ist es, die am meisten erschöpft. Du tust alles, was in deiner Macht steht, und merkst trotzdem, dass es nicht reicht, weil es nie in deiner Macht lag.


Die vorgebliche Akzeptanz


Mit der Zeit entwickelst du vermutlich Erklärungen für sein Verhalten. Er hatte einen anstrengenden Tag. Er ist unter Druck. So ist er halt, wenn er gereizt ist. Diese Erklärungen fühlen sich an wie Verständnis, wie ein reifer Umgang mit seinen Emotionen. Tatsächlich funktionieren sie oft als eine Art Vorwegnahme: Du akzeptierst sein Verhalten innerlich, bevor du überhaupt geprüft hast, ob du es akzeptieren möchtest. Das ist keine echte Akzeptanz, eher eine Umgehung der Frage, ob dieses Verhalten für dich in Ordnung ist.


Und ganz gleich, wie gut du seine Anspannung nachvollziehen kannst: Wenn er in dieser Anspannung andere Menschen anschreit oder beleidigt, hat er damit einen eigenen, ungelösten Umgang mit seiner Wut, den du weder verstehen noch erklären musst, um ihn ernst zu nehmen.


Verstehen und Grenze schließen sich nicht aus


Du darfst ihn in seiner Anspannung verstehen und trotzdem eine klare Grenze setzen. Das eine hebt das andere nicht auf. Eine Grenze zu setzen bedeutet nicht, dass du ihm die Berechtigung für seine Gefühle absprichst. Deine Grenze legt einfach fest, was du in seiner Gegenwart mittragen willst und was nicht. Manchmal reicht das Setzen einer Grenze allein aber nicht aus, vor allem wenn sich das Muster trotz wiederholter Gespräche nicht verändert.


Wenn er deine Loyalität infrage stellt


An dieser Stelle kippt das Gespräch häufig. Sprichst du sein Verhalten an, dreht sich das Thema plötzlich um dich: ob du überhaupt zu ihm stehst, ob du ihn verteidigt hättest, ob du auf seiner Seite bist. Diese Frage zieht dich aus der eigentlichen Grenze heraus und in eine Loyalitätsprüfung hinein, die mit dem ursprünglichen Vorfall nichts mehr zu tun hat. Du merkst, wie du anfängst, deine Zugehörigkeit zu beweisen, statt bei dem zu bleiben, was du eigentlich ansprechen wolltest.


Was in dir dafür sorgt, dass du mitgehst


Ein paar Mechanismen, die dieses Muster tragen: die Sorge, dass ein Widerspruch die Beziehung selbst infrage stellt. Die Gewohnheit, seine Gefühlslage als deine Aufgabe zu behandeln, weil du es lange so gehalten hast. Und die leise Angst, dass er recht haben könnte mit dem Vorwurf der Illoyalität, obwohl du in dem Moment nur seine Wut ansprichst, nicht ihn als Person.


Wenn Verstehen ihn stabilisiert


Er hat sich in diesen Momenten nicht im Griff, das bleibt so, unabhängig davon, wie du reagierst. Was sich allerdings verändert, ist, was danach passiert, wenn du ihn immer wieder verstehst, ihm loyal zur Seite stehst und seine Entschuldigung als erledigt annimmst. Dann gibt es für ihn keinen Punkt, an dem sein Verhalten wirklich Folgen hat. Deine Reaktion glättet die Situation, bevor überhaupt Reibung entstehen kann, die ihn zu etwas bewegen könnte. Das macht dich nicht verantwortlich für sein Verhalten, aber es erklärt, warum sich mit der Zeit nichts verändert.



Ein Blick von außen


Eine Frage, die sich lohnt, für dich alleine zu beantworten: Was hält dich eigentlich in diesem Muster? Vielleicht die Hoffnung, dass es sich doch noch ändert. Vielleicht die Angst, dass ein Widerspruch die Beziehung selbst kosten könnte. Vielleicht auch das Gefühl, dass ihr schon so viel gemeinsam durchgestanden habt, dass ein Rückzug jetzt alles infrage stellen würde.



Ein Gedankenexperiment kann hier mehr zeigen als jede Erklärung: Stell dir vor, ein Fremder würde sich in einer Situation wie am Parkplatz genauso verhalten, jemand, mit dem du nicht in einer Beziehung stehst. Würdest du sein Verhalten genauso schnell verstehen, ihn genauso loyal in Schutz nehmen, seine Entschuldigung genauso bereitwillig annehmen? Der Unterschied zwischen beiden Antworten zeigt oft genau, wie viel die Nähe zu ihm deinen sonst klaren Maßstab verschiebt.


Erste Schritte zur eigenen Grenze


Ein Anfang kann sein, den Moment, in dem sich in dir etwas zusammenzieht, überhaupt erst zu bemerken, ohne ihn sofort zu erklären oder wegzuschieben. Ein zweiter Schritt ist, Verstehen und Zustimmung sprachlich zu trennen: "Ich sehe, dass du gestresst bist" ist etwas anderes als "Es war in Ordnung, wie du reagiert hast." Und ein dritter, seine Frage nach deiner Loyalität nicht sofort zu beantworten, sondern innezuhalten und bei deinem eigentlichen Anliegen zu bleiben.


Was das mit dir macht


Mit der Zeit entsteht eine Art Daueralarm in allen Situationen mit anderen Menschen. Der Kellner, der eine Bestellung verwechselt. Die Nachbarin, die zu laut Musik hört. Du beobachtest nicht mehr nur ihn, sondern ständig auch die Reaktionen anderer auf ihn, bevor überhaupt etwas passiert ist.



Häufige Fragen zu deine Scham auf seine Wut


Was, wenn er sich danach entschuldigt?

Eine Entschuldigung direkt nach einem Ausbruch fühlt sich oft wie eine Auflösung der Spannung an, so als wäre mit den Worten auch das Verhalten erledigt. Entschuldigung und Verhaltensänderung sind aber zwei unterschiedliche Dinge. Wenn sich der Ablauf beim nächsten Mal wiederholt, sagt das mehr über das Muster aus als die Entschuldigung selbst.

Das kannst du, am ehesten in einem ruhigen Moment und nicht direkt in oder nach der Situation. Wichtig ist, bei deiner eigenen Wahrnehmung zu bleiben, etwa was du in dem Moment gebraucht hättest, statt eine Erklärung oder Rechtfertigung von ihm einzufordern. Wie viel sich dadurch tatsächlich verändert, hängt davon ab, ob er bereit ist, sein Verhalten überhaupt als sein Thema zu sehen.

Alles, was hier beschrieben ist, bezieht sich auf Situationen, in denen sich seine Wut gegen andere richtet. Wenn sie sich stattdessen gegen dich selbst richtet, wenn du also direktes Ziel seiner Aggression wirst, verändert das die Lage grundlegend, und dann geht es nicht mehr nur um Scham oder Loyalität. Bitte nimm das ernst. Es gibt hier anonyme Anlaufstellen Gewalt gegen Frauen: Hilfetelefon.


Ich bin Eva, Psychologin, und arbeite mit Frauen in Beziehung zu Männern mit psychischen Problemen.





Weitere Texte findest du unter




20251121_113903.jpg

Über die Autorin: 

Dr. Eva Winkler ist Diplom-Psychologin und Coach. Sie begleitet Frauen, die viel tragen und sich dabei selbst aus dem Blick verlieren. Es geht um psychische Erkrankungen innerhalb von Beziehungen, Funktionieren-müssen und den Weg zu sich selbst.

 

inmut: Mut nach innen, um zu verändern. 

bottom of page