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Kann man mit einem psychisch kranken Partner eine gute Beziehung führen?

  • Eva
  • 6. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Mai

Warum die Diagnose weniger zählt als du denkst

Wenn Frauen fragen ob eine Beziehung mit einem psychisch kranken Partner funktionieren kann, erwarten sie meist eine Antwort die mit der Diagnose beginnt. Depression – schwierig aber möglich.

Borderline – sehr schwierig.

Bipolar – kommt drauf an.

...


Das ist der falsche Ansatz.


Denn ein Mensch mit einer schweren Diagnose der aktiv an sich arbeitet, Verantwortung übernimmt und offen kommuniziert ist ein besserer Partner als jemand ohne Diagnose der jede Verantwortung von sich weist. Und ein Mensch der seine Erkrankung als Erklärung für alles nutzt, als Schutzschild gegen jede Erwartung, als Grund warum immer sie auffängt und er immer Opfer ist, macht die Beziehung toxisch.


Unabhängig davon was in seiner Akte steht.


Was eine gute Beziehung möglich macht hat wenig mit der Diagnose zu tun. Es hat alles mit der Dynamik zu tun.


Was psychische Erkrankung in einer Beziehung konkret bedeutet


Psychische Erkrankungen liegen eher auf einem Kontinuum. Kein Mensch ist seine Diagnose. Und jede Erkrankung zeigt sich anders; je nach Schweregrad, Verlauf, Behandlung und Persönlichkeit des Menschen der damit lebt.

Aber es gibt typische Herausforderungen die bestimmte Krankheitsbilder mit sich bringen und die eine Beziehung auf sehr konkrete Weise belasten:


Depression zieht sich zurück. Der Partner ist da und gleichzeitig nicht erreichbar. Er hat keine Energie für gemeinsame Pläne, für Sexualität, für leichte Momente. Sie trägt die Stimmung im Raum. Die Partnerin organisiert, motiviert, hält aufrecht. Und fragt sich irgendwann ob sie eine Partnerin ist oder eine Pflegerin.


Angststörung verengt das gemeinsame Leben. Bestimmte Situationen werden vermieden, vielleicht Reisen, soziale Ereignisse, spontane Entscheidungen. Das Leben organisiert sich zunehmend um seine Grenzen. Was anfangs wie Rücksicht aussieht wird irgendwann zur Einschränkung die beide betrifft. Aber nur einer benennen darf.


Borderline bringt intensive Nähe und intensive Distanz. Idealisierung und Entwertung wechseln sich ab, manchmal innerhalb eines Tages. Die Partnerin lernt seine Stimmungen zu lesen bevor er sie selbst kennt. Sie läuft auf Zehenspitzen. Sie passt sich an. Und verliert dabei schleichend die eigene Mitte.


Bipolare Störung lebt in Phasen. In Hochphasen ist er voller Energie, Ideen, manchmal Grandiosität. Die Partnerin kann kaum mithalten. In Tiefphasen übernimmt sie alles. Zwischen den Phasen gibt es Normalität, aber auch die Erschöpfung des Wartens. Wann kommt die nächste Phase? Wie bereite ich mich vor? Wie plane ich ein Leben das sich nicht planen lässt?


ADHS ist unsichtbar und allgegenwärtig. Er vergisst, springt, beginnt und beendet nicht, ist unzuverlässig ohne böse Absicht. Die Partnerin übernimmt Struktur, Planung, Erinnerungen. Irgendwann fühlt sie sich weniger wie Partnerin, mehr wie Managerin eines Erwachsenen der sich nicht managen kann. Das Tückische: Es sieht nicht nach Erkrankung aus. Es sieht aus wie Unzuverlässigkeit. Und sie beginnt sich zu fragen ob sie überreagiert.


Dazu kommt die Komplexität psychischer Erkrankungen. Viele Menschen haben nicht eine Diagnose. Sie haben mehrere. Depression und Angststörung zusammen sind eher die Regel als die Ausnahme. Borderline und ADHS überschneiden sich häufiger als gedacht. Trauma liegt unter vielem was sich nach Persönlichkeit anfühlt.

Manchmal ist gar nichts eindeutig zuordenbar. Kein Arzt hat bisher eine klare Diagnose gestellt. Aber da ist etwas. Eine Schwere, eine Unberechenbarkeit, eine Erschöpfung die kein Urlaub behebt.

Eine Diagnose ist eine Kategorie. Sie ist ein Werkzeug zur Orientierung, kein vollständiges Bild eines Menschen. Und sie sagt nichts darüber aus ob eine Beziehung funktionieren kann. Das entscheidet nicht die Kategorie. Das entscheiden die Menschen darin.


Sie funktioniert. Er wird getragen.

Hinter diesen sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern steckt oft dieselbe Dynamik.

Das passiert nicht von einem Tag auf den anderen. Es passiert schleichend, in hundert kleinen Momenten in denen sie mehr übernimmt weil es gerade nötig scheint. Weil er gerade nicht kann. Weil sie es besser kann. Weil es einfacher ist als der Konflikt.

Und irgendwann ist es das neue Normal.

Sie ist die Stabile. Die Verlässliche. Die die alles im Griff hat. Er ist der Kranke. Der der Unterstützung braucht. Der dem man keine zusätzliche Last zumuten kann.

Das klingt nach Fürsorge. Manchmal ist es das auch. Aber es ist auch eine Dynamik die beide krank macht...auf unterschiedliche Weise.


Das was sich nicht durch Erkrankung entschuldigen lässt


Psychische Erkrankung erklärt Verhalten. Sie entschuldigt es nicht dauerhaft.

Es gibt Dinge die auch ein psychisch kranker Mensch tun kann. Wenn er will und wenn er Unterstützung hat. Und es gibt eine Haltung die keine Diagnose rechtfertigt:


Die dauerhafte Opferrolle. Er leidet real. Aber wenn sein Leid immer im Vordergrund steht, seine Bedürfnisse immer Priorität haben, ihre Erschöpfung nie Thema ist weil seine schwerer wiegt ...dann ist das keine Krankheitsdynamik. Das ist eine Beziehungsdynamik.


Die Verweigerung von Eigenverantwortung. Erkrankung bedeutet nicht Unvermögen in allen Bereichen. Ein Mensch mit Depression kann trotzdem einen Therapeuten aufsuchen. Ein Mensch mit ADHS kann trotzdem Strategien entwickeln. Ein Mensch mit Borderline kann trotzdem lernen mit seinen Reaktionen umzugehen. Wer alles auf die Erkrankung schiebt ohne je zu prüfen was trotzdem möglich wäre lädt dauerhaft auf den Partner ab.


Die Behandlungsverweigerung. Das ist die härteste Grenze. Ein Mensch der leidet und keine Hilfe annehmen will stellt seine Partnerin vor eine unlösbare Aufgabe. Du kannst begleiten. Du kannst ermutigen. Du kannst nicht stellvertretend gesund werden für jemanden der es gerade nicht will.


Und was ist mit dir?

Dieses Thema wird oft weggelassen, aber es ist Kern meiner Beratungsarbeit:


Auch dein Funktionieren kann krankhaft sein.

Viele Frauen die mit psychisch kranken Partnern zusammenleben entwickeln ein Muster das sich Codependenz nennt: eine tiefe, oft unbewusste Überzeugung dass ihre eigene Stabilität davon abhängt dass sie gebraucht werden. Dass Fürsorge ihre Sprache der Liebe ist. Dass eigene Bedürfnisse warten können, oft gar müssen. Dass es egoistisch wäre jetzt an sich zu denken.


Dieses Muster ist nicht angeboren. Es ist meist sehr früh erlernt. Und es aktiviert sich in genau dieser Konstellation. Eine Konstellation die sie sich so vertraut anfühlt.


Also: Was macht seine Erkrankung mit eurer Beziehung?

Und: Was macht dein Funktionieren mit dir? Und warum fühlt es sich für dich so selbstverständlich an aufzufangen, selbst wenn es dich erschöpft?


Die Bedingungen unter denen es funktionieren kann


Er steht zu seiner Erkrankung.

Er verleugnet sie nicht. Er instrumentalisiert sie nicht dauerhaft. Er benennt was er gerade braucht und was er selbst tragen kann. Das setzt Selbstreflexion voraus. Die kommt nicht von alleine. Aber sie ist möglich.


Er ist und bleibt in professioneller Behandlung.

Nicht auf deinen Druck hin. Nicht nur in akuten Krisen. Es ist seine eigene kontinuierliche Entscheidung. Therapie ersetzt keine Beziehung. Und eine Beziehung ersetzt keine Therapie. Beides braucht seinen Platz.


Er übernimmt Verantwortung für das was er kann.

Nicht alles. Aber etwas. Und dieses Etwas wächst. Vielleicht langsam, mit Rückschlägen sicher, aber erkennbar. Eine Beziehung in der der kranke Partner sich nie bewegt weil er krank ist ist keine Beziehung in Entwicklung. Sie ist eingefroren.


Ihr kommuniziert über die Erkrankung.

Was kann er gerade? Was braucht er? Was braucht sie? Was ist zu viel? Diese Gespräche müssen möglich sein. Ohne Eskalation. Ohne dass sie im Schweigen enden. Ohne dass sie immer von ihr initiiert werden müssen.


Sie kann sich fallen lassen.

Es gibt auch deine Momente, an denen sie schwach sein darf. In denen sie nicht funktioniert. In denen sie weint, zweifelt, zusammenbricht...UND er da ist. Nicht perfekt. Nicht als Retter. Aber als Mensch der sie hält. Gegenseitigkeit muss nicht symmetrisch sein aber sie muss spürbar sein. Wenn sie nie den Raum hat verletzlich zu sein weil seine Verletzlichkeit immer größer wiegt, dann fehlt ihr etwas Fundamentales. Etwas das jeder Mensch in einer Beziehung braucht: das Gefühl auch aufgefangen zu werden.


Du hast dein eigenes Leben.

Deine Freundschaften. Deine Interessen. Deine Bedürfnisse. Deine Grenzen. Eine Beziehung die sich vollständig um seine Erkrankung organisiert ist keine Partnerschaft. Es ist Pflege. Pflege kann Liebe sein. Aber sie ist keine gleichwertige Beziehung.


Du hast eigene Unterstützung.

Das ist nicht optional. Eine Freundin, eigene Therapie, Coaching, Angehörigengruppen ... irgendetwas das dir gehört. Einen Raum in dem du nicht Partnerin bist sondern Mensch. Und in dem jemand fragt: Wie geht es dir? Nicht ihm. Dir.


Die Fragen die du dir stellen solltest


  • Wann hast du zuletzt ohne schlechtes Gewissen etwas für DICH getan?

  • Kannst du so wie es jetzt ist leben, wenn er sich in den nächsten zwei Jahren nicht weiterentwickelt?

  • Fühlst du dich in dieser Beziehung gesehen oder hauptsächlich gebraucht?

  • Was würde passieren wenn du eine Woche lang nicht funktionierst?

  • Wann habt ihr zuletzt über DEINE Bedürfnisse geredet?

  • Trägst du weil du es willst oder weil du nicht weißt wie es sich anfühlt es nicht zu tun?



Die Diagnose ist nicht das Problem. Die Frage ist ob ihr beide bereit seid. Jeder auf seine Weise.



FAQ gute Beziehung trotz psychischer Erkrankung


Er ist in Therapie und gibt wirklich sein Bestes. Warum bin ich trotzdem so erschöpft?

Weil sein Bestes geben nicht bedeutet dass deine Belastung automatisch sinkt. Behandlung verändert die Erkrankung. Eine Beziehungsdynamik verändert sich nicht von alleine. Erschöpfung ist oft das Signal dass die Dynamik zwischen euch Aufmerksamkeit braucht. Das ist eigentlich unabhängig davon wie gut er gerade in Behandlung ist. Deine Erschöpfung ist eine wichtige Information.

Er sagt seine Erkrankung ist der Grund für alles. Stimmt das?

Psychische Erkrankung erklärt vieles. Nicht alles. Und sie entschuldigt nicht alles. Wenn die Erkrankung zum Erklärungsrahmen für jedes Verhalten wird ohne dass je geprüft wird was trotzdem möglich wäre ist das keine Krankheitsdynamik mehr. Das ist eine Beziehungsdynamik. Und die verdient ein ehrliches Gespräch, vielleicht mit professioneller Begleitung.

Ich merke dass ich immer mehr übernehme. Wie höre ich damit auf ohne ihn zu belasten?

Indem du erkennst dass weniger übernehmen keine Belastung für ihn ist. Es ist eine Einladung mehr Verantwortung zu tragen. Das fühlt sich anfangs für beide ungewohnt an. Aber ein Mensch dem dauerhaft alles abgenommen wird lernt nie was er selbst tragen kann. Kleine Schritte helfen hier mehr als große Ankündigungen.

Wir haben kaum noch eine echte Partnerschaft. Alles dreht sich um seine Erkrankung. Ist das noch normal?

Es ist häufig. Aber normal im Sinne von gesund ist es nicht. Eine Beziehung die sich vollständig um eine Erkrankung organisiert verliert irgendwann ihre Gegenseitigkeit. Damit auch einen ihrer wichtigsten Grundpfeiler. Das ist kein Vorwurf an dich oder ihn. Es ist ein Signal dass die Dynamik zwischen euch Aufmerksamkeit braucht.



Du musst das nicht alleine tragen

Ich bin Psychologin und in meinem Coaching für Partnerinnen psychisch kranker Menschen bekommst du einen Raum der dir gehört. Wir schauen gemeinsam auf die Dynamik zwischen euch. Du lernst zu unterscheiden was Fürsorge ist und was Selbstaufgabe. Wo deine Grenzen sind. Und wie du wieder du selbst sein kannst: in dieser Beziehung oder darüber hinaus.



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