Stoppe die Perfektion: Wie Du als Mutter aus der Überverantwortung an Weihnachten aussteigst
- Eva
- 8. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Das Fest der Liebe?
Weihnachten. Es soll warm, besinnlich, verbindend sein. Es soll der Höhepunkt des Jahres sein, ein Moment der Ruhe, in dem die Seele durchatmet.
Doch mal ehrlich: Für dich als Mutter fühlt es sich nicht nach Ruhe an. Es fühlt sich an wie ein Projektmanagement-Marathon der Gefühle: Du musst alle Wünsche erfüllen, Harmonie herstellen, jede Spannung glätten, die perfekte Stimmung zaubern. Während alle anderen genießen, funktionierst du. Du bist die unsichtbare Regisseurin, das Logistikzentrum und die emotionale Notaufnahme. Du bist alles in einem.
Warum rutschst gerade du in das Gefühl, für das Gelingen, die Stimmung und das emotionale Wohlbefinden aller verantwortlich zu sein? Und vor allem: Wer hat Dir diesen Job überhaupt gegeben?
Was bedeutet Überverantwortung?
Überverantwortung ist mehr als nur "viel zu tun haben". Es ist ein psychologischer Modus, in dem Du das Gefühl hast, ständig regulieren, ausgleichen und vorsorgen zu müssen: organisatorisch, aber vor allem emotional und relational.
Dieses Muster ist meist kein Ausdruck deiner Fähigkeit, sondern das Resultat tief verwurzelter Muster:
„Ich darf niemanden enttäuschen, sonst riskiere ich Ablehnung.“
„Erst wenn alle anderen gut versorgt sind, darf ich durchatmen.“
„Wenn ich es nicht mache, macht es niemand.“
„Es muss perfekt sein, sonst bin ich nicht genug.“
Kurz: Du managst nicht nur das Fest, du managst auch die (unbewusste) Angst der ganzen Familie. Das ist der Kern der Überverantwortung .
Der Trigger: Warum Weihnachten so erbarmungslos ist
Weihnachten ist kein neutraler Feiertag. Es ist eine maximale Aktivierung von unbewussten Loyalitäten und Rollenerwartungen, die Überverantwortung einer Mutter befeuert.
Familienmythen: „Bei uns wurde immer...“ – Die Vergangenheit wird zum Maßstab Deiner Gegenwart.
Die Mutter als emotionale Managerin: Die tief sitzende, oft ungesagte Erwartung, dass Du für die Seelenhygiene der Anwesenden zuständig bist.
Unsichtbare Loyalitäten: Du fühlst Dich verpflichtet, das Fest so zu gestalten, „wie meine Mutter damals, nur besser“ (weil das „besser“ deine kindliche Erfahrung korrigieren soll).
Harmoniezwang: Konflikte und Spannungen dürfen nicht sichtbar werden. Deine Kernaufgabe wird es, mit allen Mitteln ein „schönes Bild“ zu inszenieren.
Das Ergebnis: Du versuchst, das gesamte emotionale System der Familie zu stabilisieren, und wirst damit zum Symptomträger für die ungelösten Spannungen aller Beteiligten.
Das kostet dich die Überverantwortung
Wie erkennst du, dass du in diesen Modus gerutscht bist? Dein Körper und deine Psyche senden klare, rote Warnsignale, die leicht als „Weihnachtsstress“ abgetan werden:
Erhöhte Reizbarkeit, Erschöpfung, Schlafprobleme.
Das Gefühl, ständig voraus denken zu müssen.
Hypervigilanz: „Ist die Stimmung gekippt? Muss ich eingreifen?“
Körperliche Anspannung, Migräne, Magen-Darm-Probleme.
Schuldgefühle bei jedem ausgesprochenen oder auch nur gedachten Nein.
Ein leichtes, inneres „Nichts-kann-jemand-so-gut-wie-ich“-Denken: die Falle der Unersetzlichkeit.
Warum das ein Schutzprogramm ist
Aus psychologischer Sicht agierst Du in der Überverantwortung nicht aus einem Charakterfehler heraus, sondern aus einem Schutzmechanismus.
Hinter Deinem Funktionieren arbeiten oft zwei innere Anteile:
Der Getriebene/Perfektionistische Anteil: Er will Sicherheit schaffen. Er sagt: „Wenn ich kontrolliere, plane und perfekt liefere, kann nichts Schlimmes passieren. Wir werden nicht abgelehnt.“
Der Kindliche Anteil: Er ist zutiefst verletzlich. Er fürchtet Enttäuschung, Ablehnung oder Chaos. Er erinnert alte Erfahrungen: emotional nicht gehalten worden zu sein, Konflikte alleine tragen zu müssen.
Erkenntnis: Die Überverantwortung ist nicht deine Bestimmung. Sie ist ein historisches Schutzprogramm, das du entwickelt hast, um zu überleben. Heute sabotiert es dein entspanntes Weihnachtsfest.
Warum „Harmonie herstellen“ die Harmonie zerstört
Paradoxerweise führt deine Überverantwortung, die Harmonie erzwingen soll, zu deren Zerstörung.
Wenn Du ständig regulierst und managst, passiert unbewusst Folgendes im Familiensystem:
Andere geben Verantwortung ab: Sie werden passiv, denn du machst es ja sowieso.
Du wirst unsichtbar: Das Geschenk an dich selbst ist das funktionierende Fest, nicht deine tatsächlichen Bedürfnisse.
Macht-Ungleichgewicht: Beziehungen geraten in Schieflage. Wer mehr gibt, hat weniger zu sagen.
Die Dankbarkeit sinkt: Wo Überversorgung herrscht, wird Aufwand schnell zur Norm.
Das brutale Ende: Du bist erschöpft, deine Familie ist unbewusst genervt, weil sie nicht selbst handeln muss und am Ende ist niemand wirklich entspannt.
Erste Schritte einer Mutter raus aus der Überverantwortung
Es ist Zeit, diese unsichtbare Last zurückzugeben. Hier sind konkrete, alltagstaugliche Schritte für Dein 80%-Weihnachten:
Verantwortungs-Check : Stelle Dir die Frage: Was ist wirklich dein Job und was ist eine Familienphantasie? Wer trägt offiziell die Verantwortung für das Weihnachtsessen, und wer fühlt sich nur dafür zuständig (du)?
Delegations-Regeln ( 80%-Regel): Erlaube Ineffizienz! Frage: Was kann jemand anderes übernehmen, auch wenn es nur 80% deiner Perfektion erreicht? Lass die Kontrolle gehen, nicht die Aufgabe.
Grenzen frühzeitig verbal ankündigen: Sag nicht Nein im Stress, sondern Ja zu deiner Struktur im Voraus. „Ich bin für XYZ (z.B. das Hauptgericht) zuständig. Den Rest (Dekoration, Vorspeise, Drinks, Musik) macht XY.“
Mini-Notfallplan für Trigger: Wenn die Anspannung steigt, gehe für 10 Minuten raus. Entspanne bewusst deine Schulterblätter, erde deine Füße und verlängere deinen Atem. Das entkoppelt dein Nervensystem vom Systemdruck.
Selbstfürsorge ent-romantisieren: Selbstfürsorge an Weihnachten ist nicht Wellness. Es ist: weniger tun, früher stoppen, echte Pausen einlegen, in denen du nicht überwachst.
Die Systemische Frage: Wenn du etwas tust, was dich erschöpft, frage innerlich: „Wem diene ich gerade: mir und meinen Bedürfnissen, oder einem alten Loyalitätsvertrag?“
Mach das Fest zur Rückgabe-Aktion
Weihnachten zeigt nicht, wie „fähig“ du als Mutter bist. Es zeigt, wie viel unsichtbare, oft unfaire Verantwortung du trägst, und wie wenig davon geteilt wird.
Die Überverantwortung ist ein Muster, kein Charakterfehler. Wenn du dieses Muster erkennst, kannst du es Stück für Stück zurückgeben.
Dein Auftrag für dieses Jahr: Nimm dir nicht vor, das Fest zu retten. Nimm dir vor, dich selbst zu retten.
Damit Weihnachten wieder ein Fest wird und kein Projekt.
Ich bin Psychologin und arbeite mit Menschen die (noch) nicht psychisch krank sind. Überverantwortung ist je nach Familiendynamik ein Risikofaktor für deine psychische Gesundheit. Willst du daran arbeiten? Melde dich gerne.



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