top of page

Bin ich ein Opfer von Narzissmus, narzisstischem Missbrauch?

  • Eva
  • 27. Sept. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Dez. 2025

Viele Menschen, die in narzisstischen Beziehungen leben oder gelebt haben, stellen sich irgendwann diese Frage. Und oft reagieren sie zunächst abwehrend:


„Ich bin kein Opfer, ich habe doch alles unter Kontrolle gehabt, ich habe alles gemanagt.“


Dieses Gefühl ist verständlich. In narzisstischen Beziehungen ist man ständig in Alarmbereitschaft, muss planen, reagieren und antizipieren. Man passt sich an, übernimmt Verantwortung und hält das System am Laufen. Wer so viel selbst steuert, fühlt sich nicht ausgeliefert, und das Wort „Opfer“ passt erst einmal nicht zum eigenen Selbstbild.





Was bedeutet es, Opfer von Narzissmus zu sein

Opfer ist ein Begriff, der oft mit Schwäche oder Passivität verbunden wird. Doch Opfer zu sein bedeutet nicht, dass man untätig ist. Es bedeutet, dass jemand oder etwas deine Autonomie verletzt hat, deine Bedürfnisse übergangen wurden und dir Schaden zugefügt wurde.


Im Kontext narzisstischer Beziehungen zeigt sich das besonders:

  • Manipulation, Lügen und Kontrolle durch den Partner

  • Abwertung, Herabsetzung und Missachtung

  • Zwang, sich ständig anzupassen, um Konflikte zu vermeiden

  • Verlust der eigenen Perspektive, Wahrnehmung und Entscheidungsfreiheit


All das kann selbst bei Menschen, die sehr stark, organisiert und verantwortungsbewusst sind, tiefe Verletzungen hinterlassen.


Warum das Wort Opfer schwierig ist

Viele Betroffene denken, dass sie kein Opfer sein können, weil sie alles selbst gemacht, reagiert, gehandelt und überlebt haben.

Tatsächlich ist es paradox. Wer alles kontrolliert, um Schaden zu vermeiden, erlebt gleichzeitig emotionale Gefangenschaft. Die Kontrolle wird zur Überlebensstrategie, aber die Beziehung bleibt toxisch.

Deshalb kann es hilfreich sein, das Wort Opfer zu ersetzen oder zu ergänzen. Begriffe, die den Zustand beschreiben, ohne das Selbstbild zu verletzen, sind zum Beispiel:

  • Überlebende, das englische survivor betont Stärke und aktive Bewältigung

  • Betroffene, neutral, sachlich, ohne Schuld- oder Schwächezuweisung

  • Verletzte, zeigt, dass Erfahrung und Wunden existieren, ohne dass sie die Identität definieren


Selbstbild und Realität

Viele, die narzisstischen Missbrauch erlebt haben, waren gleichzeitig hoch funktional, organisiert und anpassungsfähig, überdurchschnittlich empathisch und aufmerksam und stark im Macherinnen-Modus, um Krisen zu managen.

Das macht es schwer, die Erfahrung als Missbrauch zu erkennen, weil sie nicht dem Klischee passives Opfer entspricht.

Doch die Verletzungen, der psychische Druck und die emotionale Abhängigkeit sind real. Es geht nicht darum, jemandem die Stärke abzusprechen, sondern darum anzuerkennen, dass man gleichzeitig überlebend stark und innerlich verletzt sein kann.


Warum diese Reflexion wichtig ist

Zu erkennen, dass man Opfer von narzisstischem Missbrauch war oder ist, ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Schritt zu Klarheit über die eigenen Erfahrungen, Selbstfürsorge und Abgrenzung sowie Wiedergewinnung der eigenen Autonomie.

Wenn du dich mit dem Begriff Opfer unwohl fühlst, ist das normal. Erlaubt ist alles, was dir hilft, deine Erfahrung zu verstehen, ohne dich selbst abzuwerten.


Fazit: Du bist mehr als ein Wort

Opfer ist nur ein Wort. Es beschreibt einen Zustand, keine Persönlichkeit. Du kannst gleichzeitig stark, handlungsfähig und selbst bestimmt sein und dennoch die Wirkungen narzisstischen Missbrauchs spüren.

Indem du deine Erfahrungen anerkennst, ohne dich selbst kleinzumachen, legst du den Grundstein für Heilung. Ob du dich als Überlebende, Betroffene oder Verletzte bezeichnest, bleibt dir überlassen. Entscheidend ist, dass du nicht schuld bist, dass du real bist und dass du deine Stärke zurückgewinnen darfst.


Du bist kein Opfer von Narzissmus, vielleicht gibt dir das auch den nötigen Impuls raus aus dem unsichtbaren Gefängnis.



Ich bin Psychologin. Ich bin spezialisiert auf die Arbeit mit Angehörigen von psychisch Erkrankten Menschen. Das sind meistens Menschen die sich (noch) nicht psychisch krank fühlen. Und es sind Menschen mit eigenen inneren schädlichen Mustern die erst an die Oberfläche kommen wenn sie angetriggert werden.



Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page