Er hat keine Einsicht für seine psychischen Probleme. Und du?
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Es gibt diese Abende, an denen er lacht, mit dir kocht, von seinem Tag erzählt, als wäre alles wie früher. Du merkst, wie du selbst leichter wirst, wie sich etwas in dir entspannt, das seit Tagen angespannt war. Für diesen einen Abend denkst du, vielleicht wird es ja wirklich besser, vielleicht war das Ganze doch nur eine Phase.
Wenn es gut ist
In diesen Momenten fällt es leicht, alles andere zu vergessen. Du klammerst dich an den guten Tag, an das Lachen, an das Gefühl, dass ihr beide noch immer das seid, was ihr mal wart. Du willst diese Beziehung, du willst sie sehen und feiern können, und genau das macht die guten Momente so kostbar und gleichzeitig so gefährlich: Sie lassen dich vergessen, wie es sich anfühlt, wenn es wieder kippt.
Wenn es schlecht ist
Dann kommt der Tag, an dem er sich zurückzieht, etwa in eine Erschöpfung, aus der er kaum herausfindet, manchmal auch in eine Gereiztheit, die alles im Umfeld dünnhäutig macht. Du merkst, wie erschöpft du bist von der ständigen Bereitschaft, jederzeit wieder in diesen Zustand hineinzugleiten. Verzweiflung und Hilflosigkeit kommen dazu, weil du spürst, dass du an seinem Zustand nichts ändern kannst, egal wie sehr du es versuchst. Und mitten in alldem das Gefühl, unverstanden zu sein: Niemand in deinem Umfeld sieht so richtig, was mit dir gerade passiert, weil du nach außen weiterfunktionierst, während innen etwas an dir zieht. Manchmal kippt das über die Zeit in etwas, das sich weniger wie Verzweiflung anfühlt und mehr wie eine innere Distanz, mit der du dich selbst kaum noch wiedererkennst.
Konfliktvermeiden
Ein Gespräch, das wirklich an die Wurzel geht, würde bedeuten, ihn mit etwas zu konfrontieren, das er selbst nicht sehen will. Das birgt die Gefahr eines Streits, vielleicht sogar einer Krise, die eure Beziehung selbst infrage stellt. Du willst das nicht, du willst die Beziehung, die ihr in den guten Momenten habt, nicht aufs Spiel setzen. Also bleibst du lieber in der vertrauten Anspannung zwischen gut und schlecht, als das Risiko eines offenen Konflikts einzugehen.
Der Teil, der schwerer zu sehen ist
Was dabei leicht übersehen wird, ist, dass du nicht nur den Konflikt mit ihm vermeidest. Du vermeidest auch eine Veränderung bei dir selbst. Denn wenn du anfängst, deine eigenen Bedürfnisse konsequent zu verfolgen, eigene Pläne zu machen, eigene Grenzen zu ziehen, unabhängig davon, in welcher Phase er gerade ist, verlässt du damit auch deine eigene Komfortzone. Es ist vertraut geworden, dich an seinem Zustand auszurichten, selbst wenn das erschöpfend ist. Etwas Neues zu wagen, dein eigenes Leben unabhängiger von seiner Stabilität zu gestalten, fühlt sich zunächst unsicherer an als das, was du kennst, auch wenn das Bekannte dich etwas kostet.
Wofür dir selbst die Einsicht fehlen könnte
Vielleicht siehst du nicht, wie sehr deine eigene Erschöpfung schon zur Normalität geworden ist, sodass du sie kaum noch als eigenständiges Problem wahrnimmst, eher als soetwas wie eine Begleiterscheinung seiner Verfassung. Vielleicht siehst du auch nicht, dass die Hoffnung, die du aus den guten Momenten ziehst, dich manchmal eher davon abhält, ehrlich zu prüfen, ob die Beziehung in ihrer aktuellen Form für dich auf Dauer tragbar ist. Und vielleicht meidest du eine echte Veränderung, weil du ahnst, dass sie unbequeme Antworten mit sich bringen könnte, etwa darüber, was von der Beziehung bliebe, wenn du aufhörst, sie ständig zusammenzuhalten.
Zwei Erklärungen, zwischen denen du wechselst
In den schlechten Phasen denkst du wirklich darüber nach. Dann wird dir klar, dass das kein normales Auf und Ab ist, sondern ein Muster, das sich wiederholt, ein echtes Problem, das eigentlich Konsequenzen bräuchte. Du beginnst innerlich Sätze zu formulieren, die du ihm sagen müsstest, denkst über Grenzen nach, über Gespräche, die längst überfällig wären.
Sobald sich die Lage entspannt, sobald ein guter Tag kommt oder auch nur ein Hoffnungsschimmer, wechselt die Erklärung fast automatisch. Dann ist es wieder nur eine Phase, wie sie jeder mal hat, nichts, worüber man ein großes Gespräch führen müsste. Dieser Wechsel fühlt sich erleichternd an, weil du in diesem Moment nicht mehr zwei widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig aushalten musst: dass es ihm ernsthaft schlecht geht und dass ihr trotzdem eine gute Beziehung habt. Solange du zwischen beiden Erklärungen hin und her wechselst, je nachdem, was die äußere Situation gerade zulässt, musst du dich nie endgültig festlegen, welche der beiden Wahrheiten für dich eigentlich zählt.
Viele Frauen behalten genau diesen Wechsel für sich, sprechen mit niemandem darüber, wie stark sich ihre eigene Einschätzung von Tag zu Tag verändert. Das entsteht oft aus einer Art Scham, so als würde es etwas über sie selbst aussagen, dass sie mal so und mal so über dieselbe Beziehung denken. Auf diese Weise entsteht fast unbemerkt eine kleine Lüge nach außen, ein Bild von Stabilität, das nach innen gar nicht existiert.
Ein Weg, diesem Wechsel etwas entgegenzusetzen, ist, deine Einschätzung nicht nur im eigenen Kopf zu verhandeln. Mit einer Freundin oder einer anderen vertrauten Person darüber zu sprechen, macht deine Wahrnehmung greifbarer, weil sie dann nicht mehr allein von deiner aktuellen Stimmung abhängt. Auch eine Beratung kann diesen Zweck erfüllen, jemand von außen, der die schlechten und die guten Phasen nicht im selben Moment miterlebt wie du. Wem das zu groß ist, dem hilft manchmal schon ein einfaches Tagebuch (oder auch regelmäßige Sprachnotizen), in dem du festhältst, wie es dir an einzelnen Tagen wirklich ging, sodass du später nachlesen kannst, was du in einer schlechten Phase tatsächlich gedacht hast, statt es im nächsten guten Moment zu vergessen.
Zwei Komfortzonen, die sich gegenseitig halten
Er ändert nichts, solange er nicht aus seiner Komfortzone heraustritt, in der er gerade genug funktioniert, um für sich keinen Handlungsbedarf zu sehen.
Du schwankst zwischen Hoffnung und Erschöpfung, solange du nicht aus deiner eigenen Komfortzone heraustrittst, in der du wartest, hoffst und auffängst, statt eigenständig zu handeln. Beide Komfortzonen brauchen einander nicht, um zu bestehen, aber sie lassen sich gegenseitig in Ruhe, solange keiner von beiden den ersten Schritt macht.
Zaghafte erste Fragen an dich selbst
Welches eigene Bedürfnis hast du zuletzt zurückgestellt, weil gerade nicht der richtige Moment schien? Und was würde es bedeuten, dieses Bedürfnis unabhängig von seiner Verfassung zu verfolgen, als eigenen Schritt aus deiner eigenen Komfortzone heraus?
Häufige Fragen zu fehlender Einsicht bei psychischen Problemen
Heißt das, ich bin auch schuld daran, dass sich nichts ändert?
Nein. Sein Verhalten bleibt seine Verantwortung. Es geht hier um die Frage, wo du selbst noch Spielraum hast, unabhängig davon, was er mit seinem Spielraum macht.
Warum fällt es mir so schwer, das Problem ernst zu nehmen, wenn es doch auch gute Phasen gibt?
Weil gute Phasen echte Erleichterung bringen und sich wie ein Beweis anfühlen, dass alles im Rahmen ist. Das ändert nichts daran, dass die schlechten Phasen genauso real sind und genauso zählen.
Was, wenn ich anfange, meine eigenen Bedürfnisse zu verfolgen, und er das als Rückzug empfindet?
Das kann passieren, gerade wenn er daran gewöhnt ist, dass du dich nach ihm richtest. Das ändert nichts daran, dass eigene Bedürfnisse kein Verrat an der Beziehung sind, sondern eine Voraussetzung dafür, dass sie auf Dauer für dich tragbar bleibt.
Ich bin Eva, Psychologin, und arbeite mit Frauen die sich in Beziehungen mit psychisch kranken Männern verlieren.




