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Co-Depression: Werde ich selbst depressiv, weil mein Partner es ist?

  • Eva
  • 12. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Du stehst um sechs auf, machst die Brote, bringst die Kinder los, schaffst dein Pensum im Job, kochst abends noch etwas, das er vielleicht isst und vielleicht nicht.


Von außen funktioniert bei dir alles.


Deine Chefin lobt deine Zuverlässigkeit.


Deine Mutter sagt, du wärst schon immer die Starke gewesen. Freundinnen fragen dich um Rat, nicht umgekehrt, weil du ja offensichtlich am besten damit klarkommst.


Niemand macht sich Sorgen um dich, alle machen sich Sorgen um ihn. Und genau deshalb merkst du kaum, dass etwas mit dir nicht stimmen könnte, weil du ja der Beweis dafür bist, dass es noch geht.


Vielleicht bist du auch deshalb auf diesen Artikel gestoßen, weil du nach einem Wort gesucht hast, das zu dem passt, was du erlebst, etwas, das dir hilft, dich besser zu informieren oder dich irgendwo zugehörig zu fühlen? Ich möchte gleich zu Beginn ehrlich sein: Co-Depression (auch Co-Abhängigkeit) ist keine anerkannte Diagnose und kein wissenschaftlich sauber definiertes Konzept, sondern ein umgangssprachlicher Sammelbegriff, den verschiedene Ratgeberseiten verwenden.

Ich nutze ihn hier, weil er beschreibt, wonach viele Frauen tatsächlich suchen. Was dich mit anderen Frauen in dieser Situation verbindet, ist ohnehin weniger ein Label als zwei sehr konkrete Dinge: dass du gelernt hast zu funktionieren, egal was gerade los ist, und dass ein Partner an deiner Seite steht, dessen Erkrankung eure gemeinsame Beziehungsdynamik prägt. Wie genau sich das bei dir zeigt, bleibt trotzdem deine eigene Geschichte, keine, die vollständig in einen Begriff passt, den irgendjemand einmal für einen Blogartikel geprägt hat.


Hochfunktionale Depression?


Wenn wir an Depression denken, stellen wir uns oft jemanden vor, der es nicht mehr aus dem Bett schafft, der keinen Antrieb mehr hat, keine Freude. Bei Frauen, die über Jahre gelernt haben, zu funktionieren, komme was wolle, sieht das fast nie so aus. Man nennt das umgangssprachlich hochfunktionale Depression, ebenfalls kein offizielles Diagnosekriterium, aber ein Muster, das viele wiedererkennen: Man erledigt weiterhin alles, oft sogar mit bemerkenswerter Disziplin, während innerlich die Farbe verschwindet.


Die To-do-Liste wird abgearbeitet. Die Freude an dem, was darauf steht, ist längst weg.


Du erledigst die Steuererklärung pünktlich, organisierst den Kindergeburtstag, hältst Termine ein, und merkst dabei nicht, wann du zuletzt etwas mit echter Vorfreude gemacht hast.


Eine Freundin fragt, wie es dir geht, du sagst automatisch "geht schon", und merkst erst beim Nachhausefahren, dass du eigentlich gar nicht weißt, wie es dir geht, weil du dir diese Frage selbst schon lange nicht mehr ernsthaft gestellt hast.


Du schläfst ausreichend Stunden und bist trotzdem morgens schon müde, nicht körperlich erschöpft, sondern mit einer Art innerer Schwere, die der Kaffee nicht auflöst.


Du liest Symptomlisten für Depression und denkst, das trifft auf mich nicht zu, ich funktioniere doch, ohne zu bemerken, dass genau dieses Funktionieren die Symptome bei dir nur unsichtbar macht, nicht abwesend.


Du bist doch psychisch gesund...


Wenn für die eigene Stimmung in deinem Leben nie viel Raum war, weil du gelernt hast, dich um andere zu kümmern, bevor du dich um dich selbst kümmerst, ist es leichter, dass sich die Schwere deines Partners unbemerkt in deine eigene hineinfrisst. Es gibt keinen Moment, in dem du bewusst entscheidest, jetzt auch depressiv zu werden. Es passiert schleichend, während du beschäftigt bist, ihn und den gemeinsamen Alltag zusammenzuhalten, und dein eigenes Funktionieren dir selbst als Beweis dafür dient, dass es dir eigentlich gut gehen muss.


Wie verbreitet das tatsächlich ist


Nach dem Deutschland-Barometer Depression 2018 der Stiftung Deutsche Depressionshilfe entwickeln 73 Prozent der "gesunden" Partnerinnen und Partner Schuldgefühle gegenüber dem erkrankten Menschen und fühlen sich für dessen Erkrankung und Genesung mitverantwortlich. Bei der Hälfte der Erkrankten kommt es überhaupt zu Auswirkungen auf die Partnerschaft, und von dieser Gruppe wiederum erlebt fast jede Zweite eine Trennung, die auf die Depression zurückgeführt wird. Das sind keine Ausnahmefälle. Es ist eine der häufigsten, aber am wenigsten besprochenen Folgen, wenn man über längere Zeit mit einem depressiven Partner zusammenlebt, gerade weil die eigene Version davon meistens unsichtbar bleibt.


Geht es dir gut?


Diese Symptome bei dir selbst verdienen eigene Ernsthaftigkeit, nicht nur als Nebenwirkung, die von allein verschwindet, sobald es ihm bessergeht, und nicht erst dann, wenn du auch nicht mehr funktionierst. Manche reagieren auf diese Dauerbelastung mit Rückzug. Andere reagieren mit einer eigenen, gut versteckten Depression, die sich hinter perfektem Funktionieren verbirgt.


Wenn du merkst, dass du seit Längerem innerlich erschöpft bist, obwohl äußerlich alles läuft, lohnt sich auch ein Blickin meinen Beitrag Mein Partner ist psychisch krank und ich bin emotional erschöpft. Wenn du dich fragst, wie viel von dem, was du bei ihm beobachtest, eigentlich noch der Mensch ist, den du kennst, oder schon die Erkrankung selbst, findest du dazu mehr in Wesensveränderung durch Depression.


Warum du nicht in einer Therapie landet


Genau dieses Funktionieren ist auch der Grund, warum diese Frauen selten von sich aus in eine Behandlung finden. Man muss sich selbst als bedürftig oder krank genug empfinden, um professionelle Hilfe zu suchen, und wer jeden Tag beweist, dass er alles im Griff hat, kommt gar nicht erst auf den Gedanken, dass ausgerechnet sie gemeint sein könnte. Therapieplätze, Selbsthilfegruppen, Ratgeber zu Depression, all das richtet sich gefühlt an Menschen, die sichtbar nicht mehr können. Wer noch kann, fühlt sich dafür nicht zuständig, selbst wenn innerlich längst dieselbe Leere herrscht.



Du musst keine Therapie beginnen oder dir professionelle Begleitung suchen, um trotzdem etwas für dich zu verändern. Ein paar kleine, konkrete Schritte helfen schon.


Stell dir jeden Abend eine ehrliche Frage, nicht "habe ich alles geschafft", sondern "habe ich heute irgendetwas gefühlt, das sich gut angefühlt hat". Wenn die Antwort mehrere Tage hintereinander nein ist, ist das eine wichtige Information, unabhängig davon, wie viel du geschafft hast.


Beobachte eine Woche lang bewusst, wann du aus Pflicht handelst und wann aus echter Lust. Allein diese Unterscheidung sichtbar zu machen, verändert etwas.


Sag einer Person, der du vertraust, einmal ehrlich "eigentlich geht es mir nicht gut" statt "geht schon", auch wenn sich das ungewohnt anfühlt.


Erlaube dir, dieses Thema ernst zu nehmen, ohne dass erst eine Krise es rechtfertigen muss.


Häufige Fragen zu Co-Depression


Muss ich zum Arzt, auch wenn ich noch alles schaffe?

Funktionieren ist kein Zeichen dafür, dass keine Behandlung nötig wäre. Alles zu schaffen ist kein Zeichen für psychische Gesundheit. Eher nicht alles schaffen zu müssen. Viele Frauen mit diesem Muster schaffen jahrelang alles, während sich der Zustand langsam verschlechtert.


Was, wenn ich gar keine Zeit für eine Therapie habe?

Das Gefühl, für die eigene Behandlung keine Zeit zu haben, ist selbst oft schon Teil des Musters. Ein erstes Gespräch, etwa bei einer Hausärztin oder einer psychotherapeutischen Sprechstunde, braucht weniger Zeit, als die meisten befürchten. Und...überleg dir mal, für was solltest du dir eigentlich Zeit nehmen, wenn nicht für dein eigenes Wohlbefinden?


Wird es besser, wenn es ihm bessergeht?

Das ist stets deine Hoffnung, oder? Du denkst, dieses Tief muss du du nur durchhalten und wenn es ihm besser geht, geht es euch besser. Aber deine eigene Verfassung braucht eigene Aufmerksamkeit, unabhängig davon, wie sich sein Zustand entwickelt.

Es hilft, von dir selbst zu sprechen statt von ihm als Ursache, zum Beispiel "ich merke, dass es mir selbst nicht gut geht" statt "du machst mich depressiv". Das ist ehrlicher und weniger anklagend zugleich. Außerdem stimmt es nicht. Seine Depression ist nicht die Ursache deiner, eher ein Punkt an dem deine Muster sehr deutlich werden.



Der erste Schritt ist, dein eigenes Funktionieren nicht länger als Beweis dafür zu nehmen, dass es dir gutgeht. Funktionieren und Wohlbefinden sind zwei verschiedene Dinge, auch wenn du gelernt hast, sie gleichzusetzen. Das bedeutet oft, dir eigene professionelle Unterstützung zu suchen, unabhängig davon, ob und wie er behandelt wird, und unabhängig davon, wie gut du nach außen noch funktionierst. Deine psychische Gesundheit ist nicht an seinen Behandlungserfolg gekoppelt, auch wenn es sich lange so angefühlt hat.


Ich bin Psychologin und arbeite mit Frauen deren Erschöpfung sich hinter Funktionieren versteckt. Frauen die in einer Beziehung mit einem psychisch erkrankten Partner verschwinden.



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