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Wesensveränderung durch Depression. Wo ist der Mann den ich liebe?

  • Eva
  • 6. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Du erinnerst dich noch genau an den Mann, in den du dich verliebt hast. Wie er gelacht hat, wie er dich angeschaut hat, wie leicht bestimmte Momente waren. Und dann sitzt du ihm heute gegenüber, jemandem, der genauso aussieht, dieselbe Stimme hat, denselben Namen trägt, und der trotzdem nicht mehr diese Person ist. Er hat eine Wesensveränderung durch die Depression durchgemacht.


Nicht ausgezogen, nicht gestorben, einfach nicht mehr da, obwohl er direkt vor dir sitzt.


Depression, Angststörungen oder auch die Medikamente dagegen können einen Menschen so verändern, dass er sich über Monate oder Jahre fremd anfühlt, unternehmungslustig wurde grüblerisch, offen wurde verschlossen, warm wurde gereizt oder einfach flach. Du trauerst dabei nicht um eine Trennung oder einen Todesfall. Du trauerst um jemanden, der noch lebt.


Eine Trauer ohne Ritual

Diese Art von Trauer hat kein Datum, keine Beerdigung, kein Umfeld, das automatisch versteht, was gerade passiert. Niemand bringt dir Essen vorbei, weil dein Partner sich verändert hat, obwohl du etwas ganz Ähnliches verlierst wie bei einem Tod: die Person, mit der du dir dein Leben aufgebaut hast. Stattdessen hörst du eher Sätze wie "sei froh, dass er noch da ist" oder "das wird schon wieder", die zwar gut gemeint sind, aber genau das übergehen, was DU eigentlich fühlst.


Diese Trauer ist gesellschaftlich kaum anerkannt, und genau das macht sie so einsam. Du darfst nicht richtig trauern, weil ja niemand gestorben ist, aber du kannst auch nicht einfach so weiterleben wie vorher, weil der Mensch, an den du dich gebunden hast, in vielen Momenten nicht mehr greifbar ist.


Ist es die Krankheit oder das Medikament

Eine Frage, die viele Frauen in dieser Situation umtreibt: Ist es die Depression selbst, die ihn so verändert hat, oder sind es die Medikamente dagegen?

Die ehrliche Antwort ist, dass beides eine Rolle spielen kann, und dass es von außen oft schwer zu trennen ist. Manche Menschen berichten, dass sie unter einer bestimmten Medikation gedämpfter, gleichgültiger oder distanzierter wirken, während andere genau durch die Behandlung wieder näher an die Person heranrücken, die sie vor der Erkrankung waren. Fachlich wird häufig betont, dass es eher die Erkrankung selbst ist, die die Persönlichkeit überlagert, und die Medikamente im besten Fall helfen sollen, wieder zu dem Menschen zurückzufinden, der vorher da war. In der Praxis erlebst du als Partnerin aber vor allem eines: Egal woran es liegt, der Effekt auf euren Alltag und eure Nähe ist derselbe.


Wie sich das im Alltag zeigt

Du erzählst etwas, das euch früher zum Lachen gebracht hätte, und siehst nur ein müdes, höfliches Nicken. Du legst dich abends neben jemanden, der körperlich da ist und emotional komplett unerreichbar wirkt. Du fragst, wie es ihm geht, und bekommst dieselbe flache Antwort wie schon so oft, ohne dass sich dahinter noch etwas zu regen scheint. Du vermisst ihn, während er neben dir sitzt, was sich fast absurder anfühlt als ihn zu vermissen, wenn er tatsächlich weg wäre.


Der Unterschied zwischen ihm und der Krankheit anzuerkennen

Ein wichtiger Schritt ist, innerlich zwischen dem Menschen und dem, was die Erkrankung gerade mit ihm macht, zu unterscheiden, ohne dabei so zu tun, als gäbe es keinen echten Verlust.


Beides ist gleichzeitig wahr: Er ist noch da, und ein großer Teil dessen, was ihr zusammen ausgemacht hat, ist gerade nicht verfügbar. Diese Unterscheidung ist keine Verharmlosung deiner Trauer. Sie hilft dir, nicht ihn als Person infrage zu stellen, während du trotzdem anerkennst, was dir gerade fehlt.


Die Scham, die dazugehört

Diese Trauer bringt fast immer eine eigene Scham mit sich.


Du schämst dich, den Menschen zu vermissen, der er einmal war, während er direkt neben dir sitzt, als würdest du ihm damit unterstellen, nicht genug zu sein.


Du schämst dich für den Vergleich, den du innerlich ständig ziehst, früher und heute, obwohl du weißt, dass er nichts dafür kann.


Du schämst dich sogar für die Trauer selbst, weil sie sich anfühlt, als würdest du ihn bereits aufgeben, während er doch noch da ist und kämpft.


Dazu kommt oft Schuld: Schuld, weil du dir insgeheim wünschst, er wäre wieder so wie früher, als wäre dieser Wunsch respektlos gegenüber seinem Kampf mit der Erkrankung.


Schuld, weil du merkst, dass du enttäuscht bist, obwohl er nicht bewusst gewählt hat, sich zu verändern.


Schuld, weil ein Teil von dir insgeheim auch an sich selbst denkt, an das Leben, das du dir einmal mit genau diesem Menschen vorgestellt hast, und das gerade nicht stattfindet.


Diese Scham und diese Schuld sind menschlich, aber sie sind kein Beweis dafür, dass du etwas falsch machst. Sie zeigen nur, wie sehr du gleichzeitig an ihm hängst und wie sehr du unter dem leidest, was gerade fehlt.

Darf ich gehen, obwohl es eine Krankheit ist

Irgendwann taucht bei vielen Frauen in dieser Situation eine Frage auf, die sie sich kaum zu stellen trauen: Darf ich gehen, obwohl er krank ist und nicht bewusst gewählt hat, sich zu verändern?


Diese Frage fühlt sich oft verboten an, weil es aussieht, als würdest du jemanden verlassen, der es gerade am schwersten hat.


Ja, du darfst. Eine Erkrankung erklärt, warum sich jemand verändert hat. Sie verpflichtet dich aber nicht dazu, mit einem Menschen zusammenzubleiben, der über Jahre nicht mehr erreichbar ist, unabhängig davon, wie sehr du sein Leiden nachvollziehen kannst. Du trauerst bereits um vieles, was diese Beziehung einmal ausgemacht hat. Ob du am Ende bleibst, weil noch genug von der Verbindung da ist, die euch trägt, oder gehst, weil zu wenig davon übrig ist, ist eine Entscheidung, die dir zusteht, nicht eine, die die Diagnose für dich trifft.


Was jetzt hilft

Es hilft, dieser Trauer überhaupt einen Namen zu geben, statt sie zu unterdrücken, weil sie sich unpassend anfühlt. Sprich mit jemandem, der nicht sofort relativiert, sondern aushält, dass du gleichzeitig an ihm hängst und um ihn trauerst. Erlaube dir, auch kleine, frühere Momente mit ihm zu vermissen, ohne dass das bedeutet, dass du ihn aufgeben willst. Und behalte im Blick, dass diese Wesensveränderung, so schwer sie zu ertragen ist, in vielen Fällen nicht endgültig ist, auch wenn sie sich gerade so anfühlt.


Ich bin Psychologin und arbeite mit Frauen die sich in Beziehungen zu psychisch kranken Partnern verlieren.



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