Co-Abhängig? Warum Angehörige psychisch Kranker mehr brauchen
- Eva
- 10. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Zwischen Aufopferung und Schuldgefühlen: Warum der Begriff „Co-Abhängigkeit“ Angehörige beleidigt
Wenn ein geliebter Mensch psychisch erkrankt, brennt das ganze Haus. Und was macht die Psychologie mit den Angehörigen, die versuchen zu löschen? Sie nennt sie „co-abhängig“. Ein Begriff, der oft mehr schadet als hilft, weil er Loyalität mit Krankheit verwechselt.
Das Dilemma ohne Namen
Es gibt keinen guten Begriff für dich.
„Angehöriger“ klingt nach Krankenhausflur.
„Bezugsperson“ nach Aktennotiz.
In der Realität bist du Krisenmanager, Therapeut auf Abruf, Blitzableiter und emotionaler Puffer in einem.
Dass du dich dabei selbst verlierst, ist keine „Störung“ deines Charakters; es ist die logische Folge einer Ausnahmesituation.
Die „Co-Abhängigkeits“-Keule: Wenn Hilfe zum Vorwurf wird
Der Vorwurf der Co-Abhängigkeit suggeriert, dass du ein ungesundes Bedürfnis hättest, gebraucht zu werden. Das ist oft eine fatale Täter-Opfer-Umkehr der Verantwortlichkeiten.
Fakt ist: Du passt dich nicht an, weil du „schwach“ bist, sondern weil die Krankheit des anderen keinen Raum für deine Bedürfnisse lässt.
Fakt ist: Du übernimmst Verantwortung, weil es sonst niemand tut – weil das System versagt oder der Kranke es gerade nicht kann.
Jemanden, der versucht, ein instabiles Familiensystem vor dem Kollaps zu bewahren, als „co-abhängig“ zu diagnostizieren, ist fachliche Arroganz. Es macht aus notwendiger Nothilfe ein psychologisches Defizit.
Die dunkle Seite der Empathie
In einer psychisch belasteten Dynamik (sei es Narzissmus, Sucht oder Depression) verschieben sich die Grenzen schleichend. Was als Hilfe beginnt, wird zur Selbstaufgabe.
Das Problem ist hierbei nicht deine Liebe oder deine Hilfsbereitschaft. Das Problem ist, dass psychische Krankheiten oft parasitär wirken: Sie saugen die Energie des Umfelds ab, um das System stabil zu halten.
Warum „Selbstarbeit“ für dich kein Luxus, sondern Notwehr ist
Wenn wir sagen, du musst „an dir arbeiten“, meinen wir nicht, dass du dein Helfersyndrom therapieren sollst. Wir meinen:
Du musst lernen, das brennende Haus zu verlassen, bevor du selbst verbrennst.
Sinnvolle Selbstarbeit für Angehörige bedeutet:
Ent-Schuldung: Du bist nicht verantwortlich für die Heilung des anderen.
Radikale Abgrenzung: Zu erkennen, dass Mitleid kein Treibstoff für eine gesunde Beziehung ist.
Rückeroberung der Realität: Die Krankheit als das zu sehen, was sie ist – ein Dritter im Bunde, der nicht das Recht hat, dein Leben zu diktieren.
Du bist nicht „co-“, du bist belastet.
Hören wir auf, Angehörige zu pathologisieren. Wer einen psychisch kranken Menschen begleitet, leistet Schwerstarbeit. Die Lösung ist nicht, die eigene Empathie wegzutherapieren, sondern zu lernen, dass Selbstschutz die höchste Form der Nächstenliebe ist. Denn wenn du untergehst, ist niemandem geholfen.
Ich bin Psychologin und begleite Angehörige von psychisch erkrankten Personen.



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