Ich habe alles und fühle mich trotzdem leer
- Eva
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Du stehst vor dem Spiegel. Noch bevor der Tag richtig angefangen hat. Du willst das Make-up auflegen, wie jeden Morgen, und dann passiert es.
Du schaust dich an. Eine Sekunde zu lang.
Die Frau die dir entgegenblickt ist müde. Nicht nur vom Schlafmangel. Tief müde. Das Blitzen in den Augen das mal da war, das herzhafte Lachen das mal so leicht kam, du suchst danach und findest es nicht.
Und dann kommt dieses Gefühl: Heftig, ungebeten, viel zu groß für einen Dienstagmorgen.
Zuerst Trauer. Eine Trauer die sich seltsam anfühlt, weil du gar nicht genau weißt worum. Du hast doch alles. Den Job. Den Mann. Die Kinder. Das Haus. Das Leben das du dir gewünscht hast.
Und genau da liegt es. Du hast das Leben. Aber das Gefühl das dabei sein sollte, das Gefühl das du dir vorgestellt hast, das ist nicht da.
Und diese Erkenntnis macht Angst. Echte Angst.
Also Mascara drauf. Tür auf. Tag anfangen.
Von außen stimmt alles
Andere beneiden dich. Das weißt du. Du siehst es in den Kommentaren, hörst es in den Gesprächen. Du hast es doch geschafft.
Und du lächelst. Weil du nicht weißt, was du sonst tun sollst. Weil du es dir selbst kaum erklären kannst. Weil "ich habe alles und fühle mich trotzdem leer" kein Satz ist den man laut sagt. First-Word-Problems...
Also sagst du ihn nicht. Du funktionierst weiter. Du organisierst, du leistest, du hältst zusammen. Du bist die, die es im Griff hat.
Und abends wenn alle schlafen fragst du dich kurz, wann das eigentlich passiert ist. Wann das Lebensgefühl verschwunden ist. Dann schläfst du ein bevor du eine Antwort findest.
Was du längst weißt aber nicht fühlen kannst
Da ist ein Teil von dir der alles analysiert. Der weiß, dass da etwas nicht stimmt. Der Bücher gelesen hat, Podcasts gehört, Gespräche geführt. Der einen Namen hat für das was er sieht.
Und trotzdem bewegt sich nichts.
Das ist die Grenze des Verstehens. Weil Erkenntnis allein nicht bewegt. Weil zwischen dem Namen für ein Gefühl und dem Leben außerhalb davon noch ein Schritt liegt den der Kopf alleine nicht gehen kann.
Die Muster die dich hier hingebracht haben
Das Leere Gefühl kommt nicht aus dem Nichts. Es folgt einer inneren Logik die du dir nie bewusst ausgesucht hast.
Da ist ein Teil der die Rolle so lange und so gut spielt, dass sie sich irgendwann wie Haut anfühlt. Die perfekte Mutter, die starke Frau, die die alles im Griff hat. Sie hat dir Zugehörigkeit gebracht, Anerkennung, einen sicheren Platz. Aber irgendwann weißt du nicht mehr was Rolle ist und was du.
Da ist ein Teil der immer beschäftigt ist. Der das Hamsterrad am Laufen hält, weil Stillstand gefährlich ist. Solange du läufst, musst du nicht spüren was wartet wenn du aufhörst. Die Erschöpfung ist unangenehm, aber vertraut. Die Stille ist es nicht.
Da ist ein Teil der alles ins Licht dreht. Der nach außen zeigt, was erwartet wird, die Stimmung hält, das Beste sieht. Der Moment vor dem Spiegel ist vielleicht der einzige des Tages in dem du dir das nicht abverlangst.
Diese Teile haben dich hierher gebracht. Weil sie einmal Sinn ergeben haben. Weil sie dich geschützt, getragen, weitergebracht haben.
Aber sie haben dich auch von etwas weggebracht. Von dem Gefühl das du dir eigentlich gewünscht hast.
Was die Trauer dir sagt
Die Trauer vor dem Spiegel ist kein Zeichen, dass etwas falsch ist mit dir. Sie ist ein Zeichen, dass da noch etwas in dir ist das sich erinnert. An das Lebensgefühl, das mal da war. An die Frau die du sein wolltest, nicht die die du geworden bist.
Sie trauert nicht um etwas das fehlt. Sie trauert um etwas das hätte da sein sollen.
Das ist ein Unterschied. Und er ist wichtig.
Weil er bedeutet: es ist noch da. Verdeckt, leise, wartend. Aber da.
Was wieder möglich wird
Es geht nicht darum das Leben umzuwerfen. Es geht darum wieder in Kontakt zu kommen mit dem was dich lebendig macht. Was sich nach dir anfühlt, nicht nach der Rolle die du spielst.
Das sind oft kleine Momente zuerst. Ein Gespräch das sich echt anfühlt. Eine Entscheidung die aus dir kommt. Ein Abend an dem du lachst und es nicht performt ist.
Das Blitzen in den Augen kommt nicht zurück weil du mehr leistest. Es kommt zurück, wenn du wieder weißt wer da im Spiegel steht.
Wenn du morgens in den Spiegel schaust und dich kaum noch erkennst, begleite ich dich dabei wieder zu dir zu finden, in meiner Praxis in Bad Oldesloe oder online.
FAQ
Warum fühle ich mich leer obwohl ich alles habe?
Weil äußere Erfüllung und inneres Lebensgefühl zwei verschiedene Dinge sind. Du kannst alles haben was du dir gewünscht hast und trotzdem das Gefühl verloren haben das dabei sein sollte.
Ist es normal dass ich mein eigenes Leben kaum noch fühle?
Es ist häufiger als du denkst. Und es hat einen Grund. Muster die uns funktionieren lassen, uns anpassen, uns die Rolle spielen lassen, kosten über die Jahre das Lebensgefühl. Schleichend.
Warum hilft es nicht dass ich alles verstehe?
Weil Verstehen und Fühlen verschiedene Wege sind. Der Kopf kann ein Muster benennen ohne dass sich dadurch etwas verändert. Veränderung braucht mehr als Einsicht. Sie braucht Begegnung mit dir selbst.
Warum kann ich niemandem davon erzählen?
Weil es sich nicht erklären lässt, wenn von außen alles stimmt. Weil du Angst hast undankbar zu klingen. Weil du selbst nicht weißt, wie du es in Worte fassen sollst. Das Schweigen macht es einsamer als es sein müsste.


