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Ich bin erleichtert, wenn mein Partner trinkt

  • Eva
  • 13. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Er kommt nach Hause, hängt die Jacke auf, geht zum Kühlschrank. Du hörst das vertraute Zischen der Flasche, und noch bevor du es bewusst denkst, spürst du, wie deine Schultern runtergehen.


Ein Sekundenbruchteil Erleichterung.

Und direkt danach: das Erschrecken darüber, dass du gerade erleichtert warst.


Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du vermutlich nicht hier, weil du wissen willst, ob dein Partner zu viel trinkt. Das weißt du längst. Du bist hier, weil dich ein anderer Gedanke nicht loslässt: Was sagt es über mich, dass ich froh bin, wenn er trinken kann?


Irritation

Du willst ihn nüchtern.

Du erinnerst dich an den Mann, der er vor der Sucht war, oder in den Phasen dazwischen, in denen es ihm gut ging, und genau diesen Mann vermisst du. Trotzdem ist da diese Erleichterung, sobald er trinkt. Das fühlt sich falsch an, fast wie ein Verrat an dem, was du eigentlich willst.


Die eigentliche Frage ist: Wen liebst du hier eigentlich noch? Den Mann, der er sein könnte, oder ist es inzwischen einfach nur noch das Fehlen von Eskalation, das sich wie Liebe anfühlt?


Du sorgst dafür, dass er trinken kann

Wenn du ehrlich hinschaust, tust du wahrscheinlich mehr, als dir bewusst ist, damit er die Möglichkeit hat zu trinken.

Du sagst nichts, wenn er die Flasche öffnet. Vielleicht kaufst du sogar mit ein, was er braucht, weil eine Diskussion darüber anstrengender ist als das Nachgeben.


Das ist keine Zustimmung, eher so etwas wie Erschöpfung gegenüber der Alternative.

Denn du weißt aus Erfahrung, wie unaushaltbar der Entzug ist. Die Gereiztheit, die Kälte, das Zittern, die Wut über Kleinigkeiten.

Du hast gelernt, welcher Zustand für dich beide im Moment leichter zu ertragen ist, und dein System optimiert automatisch darauf.


Dieses Muster, ohne bewusste Entscheidung dafür zu sorgen, dass alles irgendwie funktioniert, ist dir vermutlich nicht neu. Es ist derselbe Mechanismus, der dich in vielen Bereichen eures Zusammenlebens zur Managerin macht, ohne dass du es dir ausgesucht hättest.



Der Ekel vor beiden Zuständen

Was diese Situation von vielen anderen unterscheidet: Es gibt für dich vermutlich längst keinen guten Zustand mehr. Nicht den betrunkenen, aber auch nicht mehr den nüchternen, der oft gereizt, dünnhäutig oder in sich zurückgezogen ist, weil das Verlangen an ihm zehrt. Du erträgst beide Versionen kaum noch, und genau das macht die Erleichterung beim Trinken so verwirrend. Es ist keine Erleichterung, weil du den betrunkenen Zustand magst. Es ist Erleichterung, weil du für einen Moment nicht mit der gereizten Version leben musst.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Es geht hier nicht um eine Vorliebe für den Rausch. Es geht darum, dass keine der beiden Realitäten mehr Nähe zulässt, und du dich zwischen zwei Formen von Distanz entscheiden musst, ohne dass eine davon sich nach einer echten Beziehung anfühlt.



Die Hoffnung auf den, der er mal war

Vermutlich hat er dir schon oft versprochen, aufzuhören. Vielleicht hat er es sogar eine Weile durchgezogen, ein paar Tage, ein paar Wochen. Und jedes Mal, wenn das passiert ist, ist deine Hoffnung neu aufgeflammt, so als hätte es die Rückfälle davor nie gegeben.


Ich glaube nicht, dass du naiv bist wenn du hoffst: Kurze gute Phasen wiegen im Gedächtnis oft schwerer als lange schwierige Strecken, gerade weil sie das zeigen, was du dir am meisten wünschst. Diese Hoffnung macht dir realistische Gedanken an eure Beziehung so schwer.




Die Logik, die bei dir greift, aber nicht bei ihm

Du hast wahrscheinlich schon unzählige eigene Theorien durchprobiert. Wenn ich ruhiger bleibe, trinkt er weniger. Wenn ich ihm keinen Grund zum Streit gebe, hält er länger durch. Wenn ich besser plane, merkt er gar nicht erst, wie gereizt er wird. Diese Logik fühlt sich vernünftig an, weil sie in fast jedem anderen Bereich deines Lebens funktioniert. Wenn du dich anders verhältst, verändert sich meistens auch die Reaktion des anderen.

Bei einer Suchtdynamik greift dieser Mechanismus nicht auf die gleiche Weise. Sein Verlangen folgt einer eigenen Logik, die sich deinem Verhalten weitgehend entzieht, so sehr du es auch anpasst. Das ist einer der frustrierendsten Punkte in dieser Situation: Du bist es gewohnt, mit Anstrengung Einfluss zu nehmen, und hier greift genau diese Fähigkeit ins Leere. Das ist ein Hinweis darauf, dass du gerade versuchst, ein Problem mit einem Werkzeug zu lösen, das für dieses Problem nicht gemacht ist.



Scham

Vieles an dieser Situation bleibt unausgesprochen, weil sich Scham eingeschlichen hat, bevor du überhaupt gemerkt hast, dass sie da ist.

Seine Scham darüber, wie viel er trinkt und wie oft er sein Wort bricht, wird still zu deiner eigenen Scham darüber, dass du es deckst, dass du es normalisierst, dass Außenstehende etwas merken könnten.

Diese Scham ist der Grund, warum viele Frauen in dieser Situation kaum darüber sprechen, selbst mit engen Freundinnen nicht. Sie hält dich in einer Art Geheimhaltung, die sich wie Loyalität anfühlt, aber vor allem eines bewirkt: Du bekommst kaum noch eine Einschätzung von außen, die dir helfen könnte, deine eigene Wahrnehmung zu überprüfen. Allein das Aussprechen, auch nur vor dir selbst, ist bereits ein erster Schritt heraus aus dieser Isolation.



Schuld

Du sorgst dafür, dass er trinken kann, weil die Alternative für euch beide schwerer auszuhalten ist. Das macht dich nicht verantwortlich für seine Sucht. Es zeigt aber ein Muster, das vermutlich nicht zum ersten Mal in deinem Leben auftaucht: die Verantwortung für einen erträglichen Alltag ganz allein zu tragen, auch wenn das bedeutet, das eigentliche Problem im Stillen mitzuverwalten.



Du bist verantwortlich für dein eigenes Handeln, nicht für seinen Konsum und nicht für seinen Entzug. Was du beeinflussen kannst, ist, wie lange du bereit bist, dieses System allein am Laufen zu halten.


Ein Gedanke zum Schluss

Dass du erleichtert bist, wenn er trinkt, bedeutet nicht, dass du seine Sucht gutheißt oder dass mit dir etwas nicht stimmt. Es bedeutet, dass du seit langem in einem System lebst, das keinen wirklich guten Zustand mehr kennt, und dass dein Empfinden sich verständlicherweise daran angepasst hat.

Diese Erkenntnis beantwortet nicht die Frage, ob du bleiben oder gehen solltest. Sie zeigt dir aber, wie erschöpft du bereits bist, und das ist eine Information, die es wert ist, ernst genommen zu werden, auch wenn du noch keine Entscheidung triffst. Wenn du merkst, dass du an einem Punkt bist, an dem du diese Fragen nicht mehr allein durchdenken möchtest, kann eine Begleitung helfen, wieder zu unterscheiden, was deine Verantwortung ist und was nicht.



Häufige Fragen bei alkoholkranken Partnern


Bedeutet das, dass ich seine Sucht unterstütze?

Es bedeutet, dass du in einer Situation, die keine gute Lösung bietet, die für euch beide erträglichere Option wählst. Das ist etwas anderes als Zustimmung zu seiner Sucht. Es lohnt sich trotzdem, ehrlich hinzuschauen, an welchen Stellen du aktiv mitwirkst, damit du die Wahl bewusster triffst statt automatisch.

Nein. Du kannst sein Trinken erleichtern oder erschweren, du bist aber nicht die Ursache dafür. Die Ursache liegt in ihm, in seiner Geschichte und in der Suchtdynamik selbst, nicht in deinem Verhalten

Co-Abhängigkeit ist kein anerkannter klinischer Begriff, sondern ein populärer Sammelbegriff für ein Muster, bei dem sich das eigene Verhalten stark am Konsum oder Zustand einer anderen Person ausrichtet. Ob dieses Wort auf dich zutrifft oder nicht, sagt nichts über deinen Wert als Partnerin aus. Wichtiger als das Etikett ist die Frage, wie es dir mit deiner aktuellen Rolle geht.

Ein erster Schritt ist oft, das Muster überhaupt für dich selbst zu benennen, ohne es sofort zu bewerten. Danach lohnt sich der Blick darauf, welche einzelnen Handlungen wirklich deine sind und welche du aus Erschöpfung heraus übernommen hast. Diese Unterscheidung lässt sich in Ruhe entwickeln, allein oder mit professioneller Begleitung, sie muss nicht sofort zu einer Entscheidung über die Beziehung führen.

Weil Scham sich leicht von einer Person auf die andere überträgt, besonders wenn ihr eng miteinander verwoben seid. Seine Scham über sein Trinken wird zu deiner Scham über das Decken und Schweigen. Das ist ein bekanntes Muster und kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch machst.


Ich bin Psychologin und arbeite mit Frauen die in einer subtil für sie schädlichen Beziehungen stecken.

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