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Wie viel muss ich aushalten, wenn er krank ist?

  • Eva
  • 5. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Er hat wieder einen schlechten Tag, und du merkst es, bevor er ein Wort gesagt hat. An der Art, wie die Tür zufällt. An seinem Blick, wenn du ihn fragst, wie es war. Du überlegst kurz, ob du etwas sagen sollst, entscheidest dich dagegen und machst still das Abendessen. Als würdest du im Haus herumschleichen, um ja keine zusätzliche Last zu sein.

Später am Abend, als er sich zurückgezogen hat und du allein in der Küche stehst, kommt die Frage, die sich in letzter Zeit öfter meldet: Wie viel von dem hier ist eigentlich noch normal? Und sofort danach die andere Stimme, die schneller ist als jeder Zweifel: Aber er kann ja nichts dafür. Er ist krank.

Genau an dieser Stelle bleiben die meisten Frauen stehen. Weil die Krankheit des Partners wie ein Schild wirkt, hinter dem jede eigene Grenze plötzlich unfair erscheint.


Die Krankheit erklärt vieles. Sie rechtfertigt nicht alles

Es stimmt: Eine psychische Erkrankung verändert, wie ein Mensch fühlt, reagiert, kommuniziert. Rückzug, Gereiztheit, Stimmungsschwankungen, plötzliche Kälte, das kann alles Ausdruck einer Erkrankung sein, für die dein Partner nicht einfach "aufhören" kann. Das zu wissen, hilft, manches nicht persönlich zu nehmen.


Aber genau hier passiert oft eine stille Verschiebung: Aus "das ist die Krankheit" wird "also muss ich das aushalten". Und aus "ich habe Verständnis" wird "meine eigenen Bedürfnisse zählen gerade nicht". Eine Erklärung für ein Verhalten ist aber keine Erlaubnis für jedes Verhalten. Eine Erkrankung kann erklären, warum jemand sich zurückzieht. Sie erklärt nicht, warum du für alles die Verantwortung übernimmst, was in der Beziehung schwierig wird.


Woran du merkst, dass die Grenze verschwimmt

Deine Freundin hat Geburtstag, und du hast dich seit Wochen auf den Abend gefreut. Am Nachmittag merkst du, dass es ihm nicht gut geht. Du sagst ab, ohne ihn überhaupt zu fragen, ob er das von dir erwartet. Die Entscheidung fällt in dir, automatisch, bevor du sie bewusst triffst.

Ihr sitzt beim Essen, und er wird plötzlich einsilbig, fast abweisend. Statt zu fragen, was los ist, gehst du im Kopf sofort durch, was du in den letzten Stunden gesagt oder getan haben könntest, das ihn verstimmt hat. Meistens findest du etwas, egal wie klein.


Du wolltest ihm erzählen, dass du dich über etwas geärgert hast, das er gesagt hat. Aber du siehst, dass er müde aussieht, und schluckst es runter. Nicht zum ersten Mal in dieser Woche.


Eine Kollegin fragt, wie es dir geht, und du hörst dich sagen "ganz okay", während in Wahrheit seit Tagen ein Kloß in deinem Hals sitzt, den du niemandem zeigen willst, aus Angst, es würde sich anhören, als würdest du dich über ihn beschweren.


Du merkst, dass du dir selbst schon gar keine großen Wünsche mehr erlaubst. Ein Wochenende allein wegfahren, ein längeres Telefonat mit einer Freundin am Abend, ein Nein zu etwas, das er möchte. Es fühlt sich an, als stünde dir das gerade nicht zu, weil es ihm schlechter geht als dir.


Und irgendwann merkst du, dass du gar nicht mehr genau weißt, wo die Krankheit aufhört und wo einfach nur er, mit all seinen eigenen Entscheidungen, anfängt.


Der Unterschied zwischen Mitgefühl und Selbstaufgabe

Mitgefühl heißt, die Krankheit deines Partners zu verstehen, ohne dich selbst dabei aus dem Blick zu verlieren. Selbstaufgabe beginnt an dem Punkt, an dem du deine eigenen Bedürfnisse nicht mehr äußerst, weil du das Gefühl hast, dazu kein Recht mehr zu haben, solange er leidet.

Eine hilfreiche Unterscheidung: Du darfst Verständnis für seine Krankheit haben UND trotzdem sagen, dass bestimmtes Verhalten dir nicht guttut. Beides ist gleichzeitig wahr. Verständnis schließt eigene Grenzen nicht aus, es macht sie nur schwerer auszusprechen, weil sich jede Grenze anfühlt, als würdest du einem kranken Menschen etwas verweigern.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht "wie viel muss ich aushalten, weil er krank ist". Die Frage ist: Was von dem, was ich gerade aushalte, würde ich auch bei einem gesunden Partner so hinnehmen? Wenn die Antwort nein ist, bleibt sie nein, unabhängig von der Diagnose.


Ein kleiner Anfang

Du musst nicht sofort eine große Grenze ziehen. Es reicht, in der nächsten Situation, in der du dich klein machst, kurz innezuhalten und die Frage von eben zu stellen: Würde ich das auch so hinnehmen, wenn er gesund wäre? Diese Frage schafft keinen Bruch. Aber sie schafft Klarheit, und Klarheit ist der erste Schritt zu jeder Grenze.


Mehr zum Thema findest du unter Partner psychisch krank


Manchmal ist es leichter, die eigenen Grenzen in Ruhe zu erkunden, statt sie mitten in einer schwierigen Situation ziehen zu müssen. Genau dafür habe ich das Inmut Kartenset entwickelt. Manche Frauen schenken es sich selbst, in einer Phase, in der sie wieder lernen, wo sie selbst aufhören und die Sorge um den anderen anfängt.


Wenn die Last des Funktionierens den Mut weckt, hinzuschauen: Kartenset
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Ich bin Psychologin und berate Frauen die in ihren eigenen Muster gefangen sind. Viele sind in subtil toxischen Partnerschaften.



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