Partner arbeitet sich kaputt: Du hast alles versucht und dringst trotzdem nicht zu ihm durch
- Eva
- 14. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Du hast es ruhig versucht.
Mit Verständnis.
Mit Bitten.
Mit Tränen.
Mit Sorgen.
Mit Fakten.
Vielleicht irgendwann auch mit einem Ultimatum, das du eigentlich gar nicht aussprechen wolltest.
Er hat genickt. Vielleicht sogar versprochen, kürzerzutreten. Zwei Wochen später war wieder alles wie vorher.
Seitdem beobachtest du ihn genauer als er sich selbst.
Du siehst die schlechte Haut und die leeren Augen.
Du hörst an seiner Atmung seine permanente Anspannung.
Du merkst, dass er selbst am Wochenende nicht mehr wirklich da ist.
Und irgendwann gestehst du dir ein: Er wird erst aufhören wenn er zusammenbricht oder du.
Wenn du deshalb hier gelandet bist, suchst du wahrscheinlich nach genau einer Sache:
Wie komme ich noch an ihn heran, bevor es zu spät ist?
Vielleicht hoffst du insgeheim, dass es doch noch den einen Satz gibt. Die eine Idee. Die eine Intervention, die endlich etwas verändert.
Ich möchte dir diese Hoffnung nicht sofort nehmen. Denn vielleicht gibt es tatsächlich Dinge, die du noch nicht ausprobiert hast. Aber ich möchte auch ehrlich mit dir sein.
Am Ende dieses Artikels wirst du wahrscheinlich merken, dass die wichtigste Veränderung gar nicht bei ihm beginnt. Sondern bei DIR.
Er hört deine Sorge nicht
Wahrscheinlich weiß er längst, dass er an seine Grenzen kommt. Oder die schon jeden Tag überschreitet.
Menschen, die sich in einen Burnout hineinarbeiten, sind selten ahnungslos. Viele spüren ihren Körper sehr genau. Sie merken die Erschöpfung. Sie kennen ihre Schlafprobleme. Sie wissen, dass sie gereizter geworden sind.
Und trotzdem machen sie weiter. Denn sie handeln nicht mit dem Kopf, eher aus dem Gefühl, dass Aufhören bedrohlicher ist als Weitermachen. Oder weil ihr Selbstwert seit vielen Jahren daran hängt, gebraucht zu werden. Leistung fühlt sich sicher an. Oder Leistung ist die einzige Möglichkeit sich wertvoll zu fühlen.
Wenn du dann sagst: "Du musst kürzertreten."
hört er möglicherweise etwas völlig anderes: "So wie du bist, reicht es nicht."
Er spürt in diesem Moment nicht deine Liebe und Fürsorge. Er fühlt sich angegriffen. Sein Schutzmechanismus wird angegriffen. Dieser Schutzmechanismus versucht ihn vor etwas zu beschützen, wovon wahrscheinlich keine Gefahr mehr ausgeht. Aber der Schutzmechanismus wurde sehr früh gelernt und ihm fehlt ein wichtiges Update.
Was du alles schon versucht hast
Du hast geredet.
Geschwiegen.
Verständnis gezeigt.
Grenzen gesetzt.
Urlaub vorgeschlagen.
Den Arzt erwähnt.
Artikel geschickt.
Ihm den Rücken freigehalten.
Zu Hause mehr übernommen.
Vor anderen erklärt, warum er gerade so erschöpft ist.
Du hast versucht, ihn zu entlasten.
Zu motivieren.
Zu schützen.
...
Und während du dachtest, du würdest nur ihm helfen, ist etwas anderes passiert:
Du bist selbst in einen Überlebensmodus geraten.
Vielleicht bist du längst genauso im Alarmzustand wie er.
Ohne dass du es gemerkt hast, dreht sich inzwischen fast alles um ihn.
Du beobachtest ständig seine Stimmung.
Du überlegst morgens, wie sein Arbeitstag wohl wird.
Du hörst genau hin, wie er die Haustür schließt.
Du prüfst, ob er wieder Kopfschmerzen hat.
Du fragst dich, ob sein Herzstolpern schlimmer geworden ist.
Du übernimmst Dinge, damit er wenigstens zu Hause etwas weniger Belastung hat.
Du recherchierst Burnout.
Du suchst nach dem richtigen Gespräch.
Nach dem richtigen Zeitpunkt.
Nach dem richtigen Satz.
Nach der richtigen Intervention.
Und genau hier passiert etwas Tragisches.
Während er versucht, immer mehr zu leisten, versuchst du immer mehr zu retten.
Ihr seid beide im Funktionsmodus.
Nur auf unterschiedliche Weise.
Kleine Dinge, die du ausprobieren kannst, ohne davon etwas zu erwarten
Sprich einen Monat lang nicht mehr über seine Arbeit.
Hör auf, jede Konsequenz seiner Überlastung aufzufangen.
Überlege dir eine Metapher, die er versteht und bringe sie in einem ruhigen Moment, z.B.: Ich beobachte dich jetzt seit Wochen. Du fährst unser System gerade auf 100 % Auslastung, ohne dass wir ein Wartungsfenster eingeplant haben. Jede Maschine fliegt uns so irgendwann um die Ohren
Wenn du einen Moment erwischst, in dem wirklich etwas in seinen Augen aufblitzt, beim Lachen mit den Kindern, beim Quatschmachen, beim Vertieftsein in etwas Sinnloses, mach ein Foto davon, ohne Kommentar, einfach um diesen Moment festzuhalten.
Lass ihm einen Brief statt eines Gesprächs da.
Wenn er Sätze sagt, wie "Ich muss das noch erledigen.", kontere mit "Ah, da ist wieder die 'Ich-muss-alles-schaffen'-Playlist."
Wahrscheinlich werden auch die kreativesten Ideen nichts bringen. Denn er wird sich nur verändern, wenn er auch bereit ist.
Wovor hast DU eigentlich Angst?
Wonach suchst du eigentlich wirklich?
Nach der richtigen Intervention?
Oder nach der Gewissheit, später sagen zu können: "Ich habe wirklich alles versucht."
Ich glaube, dass viele Frauen genau deshalb nicht aufhören können zu suchen.
Du willst vielleicht einfach nicht eines Tages neben einem Klinikbett stehen und denken:
"Vielleicht hätte ich noch etwas tun können."
Das ist keine Kleinigkeit.
Das ist Liebe.
Aber es ist auch eine Last, die kein Mensch tragen kann.
Was Veränderung bringt
Vielleicht wird dein Partner irgendwann etwas verändern.
Vielleicht braucht es dafür einen Arzt.
Vielleicht einen Zusammenbruch.
Vielleicht den Satz eines Kindes.
Vielleicht gar nichts von alledem.
Das weiß niemand.
Was ich dir aber mit Sicherheit sagen kann:
Du bist nicht dafür verantwortlich, den Moment seiner Einsicht herzustellen.
Du darfst lieben, hoffen, einladen und Grenzen setzen.
UND du musst nicht diejenige sein, die ihn rettet.
Denn wenn zwei Menschen gleichzeitig versuchen, den Zusammenbruch eines von ihnen zu verhindern, besteht die Gefahr, dass am Ende beide erschöpft sind.
Es geht nicht um:
"Wie komme ich noch an ihn heran?"
Die eigentliche Frage an diesem Punkt sollte sein:
"Wie sorge ich dafür, dass ich mich selbst auf diesem Weg nicht verliere?"
Ich Eva, Psychologin und arbeite mit Frauen die sich in Beziehungen selbst verlieren.


