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Narzisstischer Missbrauch: Warum einfache Erklärungen gefährlich kurz greifen

  • Eva
  • 17. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Täterverantwortung bei narzisstischem Missbrauch: klar, aber nicht das Ende der therapeutischen Arbeit


Dass narzisstischer Missbrauch existiert und benannt werden muss, ist ein Fortschritt. Ebenso unverhandelbar ist eine zentrale Aussage: Die Verantwortung für Gewalt liegt immer beim Täter.

Psychische Gewalt ist kein Beziehungskonflikt, kein Kommunikationsproblem und keine beiderseitige Dynamik. Manipulation, Entwertung, Gaslighting und Kontrolle sind aktive Grenzverletzungen und dafür trägt ausschließlich die missbrauchende Person die Verantwortung.

Diese Klarheit ist wichtig. Sie entlastet Betroffene von Schuld, Scham und Selbstzweifeln.

Therapeutisch reicht sie jedoch nicht aus.


Narzissmus-Industrie und Social Media: Warum einfache Antworten so erfolgreich sind

Rund um das Thema narzisstischer Missbrauch ist in den letzten Jahren eine regelrechte Narzissmus-Industrie entstanden. Auf Social Media kursieren einfache Botschaften, schnelle Erklärungen und Heilsversprechen:

  • „Du bist perfekt, wie du bist.“

  • „Das innere Kind hat damit nichts zu tun.“

  • „Wenn du das erkennst, bist du frei.“

Diese Aussagen wirken beruhigend und sind genau deshalb so erfolgreich. Sie geben Orientierung, ohne zu verunsichern. Sie vermeiden innere Konflikte. Und sie lassen sich gut verkaufen.


Problematisch wird es dort, wo aus Entlastung eine Vermeidung von Tiefe wird.

Wer mit narzisstischem Missbrauch arbeitet, sollte vorsichtig sein mit monokausalen Erklärungen. Die Realität ist komplexer und genau das macht sie therapeutisch relevant.

Monokausale Erklärungen beim narzisstischen Missbrauch: korrekt, aber therapeutisch unzureichend

Die Aussage „Die Gewalt liegt beim Täter“ ist richtig. Punkt.

Therapeutisch problematisch wird es, wenn daraus implizit folgt:

  • Beziehungsmuster seien irrelevant

  • frühe Prägungen spielten keine Rolle

  • jede Form von Selbstreflexion sei Victim Blaming

Das Gegenteil ist der Fall.

Gerade Menschen, die wiederholt in narzisstische Beziehungen geraten, zeigen häufig stabile emotionale Schemata, die nicht schuldhaft sind, aber wirksam.


Verantwortung, Vulnerabilität und Schemata

Ein zentraler Grundsatz lautet: Erklärungen sind keine Schuldzuweisungen.

In der Arbeit mit Betroffenen zeigen sich häufig Schemata wie:

  • Unterordnung

  • Selbstaufopferung

  • emotionale Entbehrung

  • Scham

Diese Schemata entstehen nicht durch den späteren Täter. Sie entstehen früh, oft in Kontexten, in denen emotionale Bedürfnisse nicht ausreichend beantwortet wurden.

Sie erklären nicht, warum jemand misshandelt wird. Sie erklären, warum Grenzverletzungen lange ausgehalten, relativiert oder entschuldigt werden.

Das ist kein Vorwurf. Das ist psychologische Realität.


Warum reine Entlastungsbotschaften nach narzisstischem Missbrauch langfristig nicht stabilisieren

Kurzfristig wirkt es entlastend, wenn gesagt wird:

„Du hast damit nichts zu tun.“

Langfristig kann genau diese Botschaft problematisch werden, wenn sie ergänzt wird durch:

„Du musst nichts verstehen, nichts anschauen, nichts verändern.“


Denn ohne die Arbeit an eigenen Mustern bleibt die innere Logik bestehen, die destruktive Beziehungen überhaupt erst möglich gemacht hat.

Schematherapeutisch gesprochen: Das Überlebensschema bleibt aktiv, auch wenn der Täter längst weg ist.


Inneres Kind und narzisstischer Missbrauch: populär, gut verkäuflich, oft falsch eingesetzt

Kaum ein Konzept wird im Kontext narzisstischen Missbrauchs so inflationär und undifferenziert genutzt wie das „innere Kind“.

Problematisch wird es, wenn suggeriert wird:

  • Heilung sei reine Selbstliebe

  • komplexe Traumadynamiken ließen sich durch Affirmationen lösen

  • professionelle Begleitung sei überflüssig

Innere-Kind-Arbeit kann hilfreich sein, wenn sie eingebettet ist in ein fundiertes therapeutisches Konzept.

Ohne dieses Fundament besteht die Gefahr von:

  • Retraumatisierung

  • emotionaler Überforderung

  • subtiler Selbstabwertung („Ich mache es falsch“)


Narzisstischer Missbrauch braucht qualifizierte therapeutische Arbeit

Narzisstischer Missbrauch ist kein Lifestyle-Thema und keine Coaching-Nische.

Er betrifft:

  • Bindungstraumata

  • Persönlichkeitsdynamiken

  • tief verankerte emotionale Schemata

Wer hier arbeitet, trägt Verantwortung.

Selbsternannte Heilerinnen und Heiler können entlastende Worte liefern, aber keine tragfähige Struktur für nachhaltige Veränderung.

Komplexe psychische Verletzungen brauchen:

  • fachliche Einordnung

  • methodische Kompetenz

  • klare ethische Grenzen


Fazit: Narzisstischer Missbrauch verlangt Differenzierung, nicht Vereinfachung

Die klare Benennung von Täterverantwortung ist ein notwendiger Anfang.

Doch Heilung entsteht nicht durch Vereinfachung, sondern durch Differenzierung.

Schematherapeutisch gesprochen: Erst wenn alte Muster verstanden und neue Handlungsoptionen erlebbar werden, entsteht echte Selbstwirksamkeit.

Nicht trotz der Komplexität, sondern genau wegen ihr.

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