Wenn Hoffnung zur Aufopferung wird: An der Seite eines psychisch kranken Partners
- Eva
- 25. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Er hatte gestern einen guten Tag. Er hat gelacht, war zärtlich, hat gefragt, wie es dir geht. Den ganzen Abend trägst du dieses Bild mit dir herum, so könnte es sein, so wird es bald wieder sein. Die drei schweren Wochen davor rücken dabei ganz weit weg, fast so, als hätten sie weniger gezählt als dieser eine gute Abend.
Du lebst nicht in der Beziehung, die du gerade hast. Du lebst in der, die kommen soll, sobald es ihm gutgeht.
Der Zielzustand
Irgendwo in dir gibt es ein Bild: Wenn er gesund ist, wenn die Therapie anschlägt, wenn die schwere Phase vorbei ist, dann wird alles gut, dann geht es auch dir wieder gut. Dieses Bild ist nicht die Beziehung, die du tatsächlich führst. Es ist die, die du dir wünschst, projiziert in eine Zukunft, die noch nicht eingetreten ist und über die du wenig Kontrolle hast.
Das ist keine bewusste Lüge, die du dir erzählst. Es ist eher ein Kompass, an dem du dich festhältst, weil die Gegenwart allein zu schwer zu tragen wäre.
Du tust im Grunde dasselbe wie er
Er verspricht schnell im Konflikt gerne schnell Dinge, bei denen ihr eigentlich beide wisst, dass es nie umgesetzt wird, aber es beendet kurzfristig eine Auseinandersetzung? Im Grunde machst du gerade etwas sehr Ähnliches, nur mit dir selbst. Du hältst dir ein Bild von einer Zukunft vor, in der alles gut wird, und dieses Bild beruhigt dich jetzt, unabhängig davon, ob es je eintrifft. Der Unterschied ist nur, dass diesmal niemand außer dir selbst dieses Versprechen gibt, und niemand außer dir selbst es auch wieder einlösen müsste.
Die Logik der schlechten Investition
Es gibt einen Mechanismus aus der Verhaltensökonomie, den sogenannten Sunk-Cost-Effekt, eine treffende Beschreibung: Je mehr du schon investiert hast, Zeit, Kraft, Anpassung, Hoffnung, desto schwerer fällt es, das infrage zu stellen, selbst wenn die aktuelle Lage eigentlich dagegen spricht. Es ist wie eine Aktie, die seit Jahren fällt. Je länger du sie hältst, desto absurder fühlt sich der Gedanke an, jetzt zu verkaufen, genau dann, wenn objektiv am meisten dafür spräche.
Bei einer Beziehung ist die investierte Zeit aber nicht in Geld messbar, sie sind gemeinsame Jahre, aufgeschobene eigene Pläne, ein Selbstbild, das sich um dieses Durchhalten herum aufgebaut hat.
Wenn jeder Satz zum Beweis wird
Sobald du dich an dieses Zielbild klammerst, verändert sich, wie du seine Sätze hörst. Eine beiläufige Bemerkung wie "vielleicht sollte ich da wirklich mal hingehen" wird zum Beweis, dass die Wende bevorsteht. Ein ruhiger Abend wird zur Bestätigung, dass ihr auf einem guten Weg seid. Zeichen, die eigentlich in eine andere Richtung weisen, ein wiederholtes Muster, ein gebrochenes Versprechen, ein weiterer Rückfall, werden dabei leiser, weil sie nicht in das Bild passen, das du gerade so dringend brauchst.
Überleben statt Leben
Irgendwann verschiebt sich etwas Grundlegendes: Du lebst nicht mehr für den jetzigen Moment, du hältst durch, bis der andere Zustand eintritt. Das fühlt sich weniger wie Leben an und mehr wie Überleben, ein Funktionsmodus, ein Laufband, auf dem du dich bewegst, ohne dass sich die Umgebung dabei wirklich verändert.
Das ist keine Frage der Liebe. Du liebst diesen Menschen wahrscheinlich wirklich.
Was du am Leben hältst, ist aber nicht in erster Linie die Beziehung selbst, es ist die Hoffnung auf eine Version davon, die es so vielleicht nie geben wird.
Keine Wunderheilungen
So schwer es auszusprechen ist: Es gibt selten den einen Moment, in dem alles kippt, keine Wunderheilung, keinen Schalter, der einfach umgelegt wird. Und dieser Zielzustand liegt nicht in deiner Kontrolle, egal wie sehr du dich anpasst, wie geduldig du bist, wie viel Hoffnung du aufbringst. Du kannst seine Genesung nicht durch eigene Anstrengung herbeiführen, so wie du auch eine fallende Aktie nicht durch bloßes Festhalten zum Steigen bringst.
Eine ehrliche Bilanz
Es lohnt sich, in Ruhe zwei Dinge nebeneinanderzulegen: deine Hoffnung, und das, was diese Beziehung dich gerade tatsächlich kostet.
Was genau stellst du dir vor, wenn du an "es wird alles gut" denkst, und worauf genau stützt sich dieses Bild? Auf das, was in den letzten Monaten tatsächlich passiert ist, oder auf das, was du dir seit Jahren wünschst? Wie viel von deinem eigenen Leben, deinen Freundschaften, deiner Energie, hast du in der Zwischenzeit stillschweigend zurückgestellt? Und wenn du ganz ehrlich bist: Lebst du gerade eine Beziehung, die dich erfüllt, oder hältst du eine Hoffnung am Leben, die mit der tatsächlichen Beziehung nur noch wenig zu tun hat?
Diese Fragen sollen dir nur erlauben, Hoffnung und Realität nebeneinander zu sehen, statt sie ineinander zu verschmelzen.
Häufige Fragen zu Hoffnung und Aufopferung bei psychisch kranken Partner
Ist das dasselbe wie sein Future Faking?
Sehr ähnlich, nur dass du es diesmal mit dir selbst machst. Du hältst dir ein beruhigendes Zukunftsbild vor, das die Gegenwart erträglicher macht, unabhängig davon, ob es je eintrifft.
Bedeutet das, dass ich aufhören muss zu hoffen?
Nein. Es geht darum, deine Hoffnung von der tatsächlichen Beziehung zu unterscheiden, nicht darum, sie aufzugeben. Beides klar zu sehen, ist etwas anderes, als beides zu vermischen.
Wie erkenne ich, ob meine Hoffnung noch realistisch ist?
Ein hilfreicher Blick ist der auf die letzten ein bis zwei Jahre, nicht auf die letzte gute Woche. Wiederholt sich ein Muster über diesen Zeitraum, sagt das mehr über die Realität aus als ein einzelner guter Moment.
Liebe ich ihn dann nicht wirklich, wenn das auf mich zutrifft?
Doch, wahrscheinlich schon. Diese Dynamik infrage zu stellen bedeutet nicht, die Liebe selbst infrage zu stellen. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Ich bin Eva, Psychologin und beschäftige mich mit Dynamiken in Beziehung mit psychisch erkrankten Partnern.
Eine Übersicht zu meinen Blogbeiträgen zum Thema Psychische Erkrankung in der Partnerschaft findest du hier:


