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Psychische Erkrankung rechtfertigt vieles, nicht jedes Verhalten

  • Eva
  • 14. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Er hat dich wieder angeschrien, wegen etwas Kleinem, und danach gesagt, du müsstest doch verstehen, dass er gerade nicht anders kann. Du nickst, weil das ja irgendwie stimmt, er kämpft gerade wirklich. Aber ein Teil von dir fragt sich leise: Wie lange soll das eigentlich so weitergehen, und wo genau ist die Grenze zwischen dem, was seine Erkrankung rechtfertigt, und dem, was einfach nicht in Ordnung ist?


Es zählt, wie es sich für dich anfühlt


Ist das jetzt noch die Krankheit, oder ist das schon etwas anderes? Diese Frage lässt sich von außen selten sicher beantworten, und du musst sie auch nicht beantworten können, um dich selbst ernst zu nehmen.


Die eigentlich entscheidende Frage ist eine andere: Wie geht es dir in dieser Beziehung, unabhängig davon, welche Diagnose im Hintergrund steht? Eine Erkrankung erklärt, warum jemand Schwierigkeiten hat.


Sie ist keine Erlaubnis, einen anderen Menschen dauerhaft zu entwerten, zu kontrollieren oder emotional zu erpressen.

Was zur Erkrankung gehört, und was seine Reaktion ist


Eine Erkrankung kann Gefühle rechtfertigen oder erklären: Traurigkeit, Angst, Einsamkeit, Reizbarkeit. Diese Gefühle entstehen weitgehend unwillkürlich, dafür kann er wenig, wenn du gehst, obwohl es ihm schlecht geht, darf er das ehrlich sagen.


"Ich fühle mich einsam oder traurig, wenn du heute Abend ausgehst" ist ein völlig legitimer Satz. Das Gefühl dahinter ist echt, unabhängig von einer Diagnose. Entscheidend ist, was danach passiert. Akzeptiert er deine Entscheidung, auch wenn sie ihn traurig macht, bewegt sich das im normalen Rahmen einer Partnerschaft. Reagiert er stattdessen mit tagelangem Schweigen, mit Vorwürfen, mit Drohungen, oder verhandelt er so lange, bis du zu Hause bleibst, ist das keine unmittelbare Folge des Gefühls mehr. Das ist dann eine Reaktion die mehr aus Kontrolle passiert, als aus einem Gefühl.


Ähnlich lässt sich das bei vielen Alltagssituationen unterscheiden. Dass er sich überfordert fühlt, wenn viel gleichzeitig ansteht, kann zur Erkrankung gehören. Ob er dir daraufhin Vorwürfe macht oder einfach sagt, dass er gerade wenig Kapazität hat, ist seine Entscheidung. Dass er misstrauisch reagiert, wenn Verlustangst Teil seiner Erkrankung ist, ist nachvollziehbar. Ob er dich deshalb kontrolliert, dein Handy durchsucht oder dir Kontakte verbietet, ist ein eigenes Verhalten, keine zwangsläufige Folge der Angst.


Diese Trennung hilft, weil sie dir erlaubt, Verständnis für das Gefühl zu haben und trotzdem bei deiner Entscheidung zu bleiben. Beides muss sich nicht widersprechen.


Muster, die über verschiedene Diagnosen hinweg auftauchen


Diese Muster zeigen sich nicht nur bei einer bestimmten Diagnose. Sie können bei einer Depression genauso auftauchen wie bei einer Angststörung oder einer Sucht, manchmal auch dort, wo am Ende gar keine klare Diagnose steht. Du musst deinen Partner nicht richtig einordnen können, um zu merken, dass etwas an eurer Dynamik nicht stimmt.


Anzeichen, die unabhängig von der Diagnose gelten


Du überlegst dir jedes Wort mehrfach, um keine Explosion oder keinen Rückzug auszulösen?


Du zweifelst zunehmend an deiner eigenen Wahrnehmung, weil das, was du erlebt hast, im Nachhinein anders dargestellt wird, als es passiert ist.


Du schämst dich für sein Verhalten und ziehst dich zunehmend von Freunden und Familie zurück, um es nicht rechtfertigen zu müssen.


Deine eigenen Bedürfnisse werden dir als Beweis dafür ausgelegt, dass du nicht genug Verständnis für seine Erkrankung hast.


Kleine Alltagssätze verschieben immer wieder Verantwortung oder Schuld in deine Richtung, mehr dazu in unserem Artikel zu subtiler Verantwortungsübertragung.


Bewusst oder unbewusst, der Effekt bleibt derselbe


Die meisten Menschen, die sich so verhalten, tun das nicht mit klarem, bösartigem Kalkül. Für ihn selbst fühlt es sich oft wie Selbstschutz an, nicht wie ein Angriff auf dich. Das ändert aber nichts daran, was es mit dir macht. Für dein eigenes Erleben ist es sekundär, ob dahinter Absicht steckt oder nicht.


Ein Unterschied lohnt sich trotzdem zu beobachten: Sprichst du ein Verhalten ruhig an, und es bewegt sich daraufhin etwas, deutet das eher auf einen unbewussten Automatismus hin. Bleibt es bestehen, obwohl du es wiederholt benannt hast, oder wird deine Erkrankungs-Rücksicht gezielt genutzt, um Kritik abzuwehren oder dich klein zu halten, ist das ein deutlich schwereres Signal.


Du musst ihn nicht erst richtig einordnen


Du musst nicht wissen, ob das, was du erlebst, offiziell als emotionaler Missbrauch gelten würde, um deine eigene Grenze ernst zu nehmen. Es reicht, ehrlich hinzuschauen, was ein bestimmtes Verhalten mit dir macht, wie erschöpft, klein oder unsicher du dich danach fühlst, unabhängig davon, welchen Namen man dem Ganzen am Ende gibt.




Häufige Fragen zu psychische Erkrankung rechtfertigt kein missbräuchliches Verhalten


Mein Partner hat eine diagnostizierte Depression, aber er beleidigt mich ständig. Bin ich zu empfindlich?

Nein. Eine Depression mag die Reizbarkeit erhöhen, aber sie nimmt einem Menschen nicht die Fähigkeit, sich nach einem Ausbruch zu entschuldigen. Wenn die Krankheit als Rechtfertigung für respektloses Verhalten dient, verlassen wir den Bereich der Symptomatik und betreten den Bereich des Missbrauchs.

Nur, wenn er volle Verantwortung übernimmt. Wer sagt: „Ich bin eben so, weil ich eine schwere Kindheit/Depression/Störung habe“, wird sich nicht ändern. Heilung beginnt dort, wo die Ausrede endet.


Nicht zwangsläufig. Schreien, Abwertung und emotionale Erpressung können bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur auftreten, genauso aber bei Stress, Überforderung, gelernten Mustern aus der eigenen Herkunftsfamilie, oder im Rahmen ganz anderer Erkrankungen. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine klinische Diagnose mit festgelegten Kriterien, die sich nicht anhand einzelner Verhaltensweisen von außen stellen lässt. Du musst diese Diagnose nicht kennen oder bestätigen können, um zu wissen, dass dich sein Verhalten gerade verletzt.

 Meistens nur, wenn er selbst Verantwortung dafür übernimmt. Eine Erklärung wie "ich bin eben so wegen meiner Erkrankung" reicht dafür allein nicht aus.





Ich bin Eva, Psychologin, und arbeite mit Frauen in Beziehungen in denen sie sich selbst verlieren.








Eine Übersicht zu meinen Blogbeiträgen zum Thema Psychische Erkrankung in der Partnerschaft findest du hier:





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