Psychisch kranker Partner hat sich getrennt
- Eva
- 5. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Mai
Er hat sich getrennt? Ausgerechnet er.
Du hast getragen, gehalten, ausgeharrt. Du hast Verständnis aufgebracht, das du dir selbst nie gegönnt hast. Und jetzt ist er gegangen. Und du verstehst nicht, wie das sein kann.
Das ist eine der verwirrendsten Erfahrungen, die in dieser Beziehungskonstellation passieren kann...
Warum psychisch kranke Menschen sich trennen, obwohl sie Unterstützung brauchen
Das erscheint paradox. Jemand, der Halt braucht, zieht sich zurück. Jemand, der von dir abhängig war, lässt los. Wie passt das zusammen?
Es passt, wenn man versteht, was in bestimmten psychischen Erkrankungen passiert.
Viele Erkrankungen, besonders Depressionen, Borderline-Persönlichkeitsstörungen und Angststörungen, beeinflussen nicht nur die Stimmung. Sie verzerren die Wahrnehmung von Beziehungen. Die Fähigkeit, Nähe als sicher zu erleben, ist eingeschränkt. Nähe fühlt sich bedrohlich an, auch wenn sie gut gemeint ist.
Er zieht sich seit Wochen zurück. Du versuchst, nah zu bleiben. Je mehr du gibst, desto weiter geht er. Bis er eines Tages sagt: Ich schaffe das nicht mehr. Ich brauche Abstand. Du denkst: Abstand wovon? Von mir?
Ja. Weil Nähe für ihn gerade unerträglich ist.
Trennung als Symptom: Wenn Schwarz-Weiß-Denken eine Beziehung beendet
Bei manchen Erkrankungen, besonders bei Borderline, aber auch bei bipolaren Störungen und schweren Depressionen, gibt es Phasen, in denen Menschen in Extremen denken. Alles oder nichts. Ganz nah oder komplett weg. Idealisierung oder Abwertung.
In einer solchen Phase kann eine Trennung impulsiv entstehen, aus einem Moment der Überwältigung heraus, nicht aus einer stabilen Entscheidung.
Das bedeutet dennoch, dass die Trennung ernst gemeint ist. Sie ist ernst gemeint, in diesem Moment. Aber sie ist möglicherweise nicht das, was er in einem stabileren Zustand entscheiden würde.
Ihr hattet einen Streit, nicht einmal einen besonders großen. Am nächsten Morgen sagt er, er will nicht mehr. Zwei Wochen später schreibt er, als wäre nichts gewesen. Du weißt nicht, was real ist.
Diese Unberechenbarkeit ist erschöpfend. Und sie ist kein Zeichen, dass du etwas falsch gemacht hast. Sie ist ein Zeichen, wie instabil sein innerer Zustand gerade ist.
Rückzug aus Scham und Überforderung
Es gibt eine zweite, weniger sichtbare Erklärung. Manche Menschen trennen sich nicht aus Impulsivität. Sie trennen sich aus Scham.
Psychische Erkrankungen gehen oft mit einem tiefen Gefühl einher, eine Last zu sein. Nicht zu genügen. Zu viel zu kosten. Wer lange krank ist und sieht, was das mit dem Partner macht, entwickelt manchmal den Gedanken: Sie wäre besser dran ohne mich. Ich tue ihr etwas Gutes, wenn ich gehe.
Das klingt nach Fürsorge. Es ist in Wirklichkeit ein Symptom. Ein Rückzug, der sich als Opfer tarnt.
Er sagt beim Abschied: Du verdienst jemanden, der für dich da sein kann. Du denkst, er meint es liebevoll. Vielleicht meint er es auch so. Aber dahinter steckt vor allem: Ich halte es nicht aus, dich so zu belasten.
Diese Art von Trennung tut besonders weh, weil sie sich anfühlt wie Fürsorge. Wie er an dich denkt. Dabei denkt er vor allem an sich, an seinen Schmerz, seine Scham, seine Unfähigkeit, mit der Situation umzugehen.
Was das für dich bedeutet
Du suchst wahrscheinlich nach einer Erklärung, die Sinn ergibt. Die dir sagt, ob du etwas falsch gemacht hast. Ob es rückgängig zu machen ist. Ob du warten solltest.
...
Du hast wahrscheinlich nichts falsch gemacht. Diese Trennung sagt weniger über dich aus als über seinen inneren Zustand. Das ist keine Tröstung, die das wegmacht.
Ob es rückgängig zu machen ist: vielleicht. Aber die Frage, die du dir stellen solltest, ist nicht nur, ob er zurückkommt. Die Frage ist ob DU zurückwillst. Was DU dir von dieser Beziehung erhofft hast. Und ob diese Hoffnung realistisch war.
Warten ist die schmerzhafteste Option, weil sie dich in der Schwebe hält. Du kannst nicht trauern, nicht loslassen, nicht weitergehen. Wenn du wartest, warte mit einer Grenze: bis wann, und was passiert dann.
Was noch wegfällt, wenn er geht
Es gibt einen Schmerz bei dieser Trennung, der schwerer zu benennen ist als der Verlust der Beziehung selbst.
Du hast jahrelang funktioniert. Dich angepasst. Deine eigenen Bedürfnisse hintenangestellt. Du hast gespürt, was er braucht, bevor er es selbst wusste. Du hast die Atmosphäre gehalten, Krisen abgefedert, Stabilität erzeugt, wo keine war.
...
Das war nicht nur Liebe. Das war auch Struktur. Eine Rolle. Ein Gefühl von Bedeutung und Kontrolle in einer Situation, die sich sonst unkontrollierbar angefühlt hat.
Du weißt jetzt nicht, was du mit dem Abend anfangen sollst. Nicht weil du nichts zu tun hättest...weil du nicht weißt, wer du bist, wenn du nicht für jemanden da sein musst.
Wenn er geht, fällt nicht nur die Beziehung weg. Es fällt die Aufgabe weg. Das Gebrauchtwerden. Die einzige Konstante, die in den letzten Jahren noch verlässlich war: dass er dich braucht.
Das ist manchmal schmerzhafter als die Trennung selbst. Und es ist ein Hinweis, dem es sich lohnt nachzugehen. Nicht heute Nacht. Aber irgendwann, wenn der erste Schock sich gelegt hat: Was habe ich in dieser Beziehung gesucht, das ich mir selbst nicht geben konnte?
Häufige Fragen wenn psychisch kranker Partner sich trennt
Ist die Trennung wirklich ernst gemeint oder ein Symptom?
Beides kann gleichzeitig wahr sein. In diesem Moment ist sie ernst gemeint. Ob sie stabil ist, zeigt sich mit Zeit. Aber darauf zu warten, ohne dir selbst eine Grenze zu setzen, kostet dich mehr, als du dir gerade vorstellen kannst.
Soll ich Kontakt halten?
Das hängt davon ab, was Kontakt mit dir macht. Wenn er dich stabilisiert, kann er sinnvoll sein. Wenn er dich in der Hoffnung hält und dich daran hindert, dich selbst zu sortieren, ist Abstand wahrscheinlich gesünder, auch wenn er sich falsch anfühlt.
Habe ich zu viel gegeben und ihn damit überfordert?
Möglicherweise hat die Dynamik zwischen euch ihn überfordert. Aber das ist keine Schuld, die du trägst. Es ist ein Zeichen, dass diese Beziehung in ihrer aktuellen Form für beide nicht tragbar war.
Was, wenn er zurückkommt?
Dann hast du die Wahl. Nicht die Verpflichtung. Die Wahl.
Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie über das Leben mit einem psychisch kranken Partner. Alle Inhalte findest du hier:
Wenn du in dieser Situation Begleitung suchst, findest du hier mehr zu meiner Arbeit:


