Irgendwas stimmt nicht mit meinem Partner
- Eva
- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Es ist spät, du liegst wach und gehst im Kopf noch einmal durch, was heute passiert ist. Wie er wegen einer Kleinigkeit, einem falsch abgestellten Glas, einem verspäteten Anruf, auf einmal so unverhältnismäßig wütend wurde, dass du selbst kurz erschrocken bist. Wie das Gespräch danach im Kreis lief, ihr beide geredet habt, aber am Ende stand niemand da, der sich verstanden fühlte, wieder einmal. Du hast angefangen, im Kopf Dinge zu sortieren, zu vergleichen, zu googeln, in der Hoffnung, dass es für das, was du erlebst, einen Namen gibt.
Er hat keine Diagnose. Vielleicht war er nie bei einem Arzt oder einer Therapeutin, vielleicht lehnt er das sogar ab. Trotzdem suchst du nach einer Erklärung, weil ein Wort dafür sich fast wie eine Landkarte anfühlen würde, ein Anhaltspunkt, wo du gerade stehst.
Wonach du wahrscheinlich suchst
Vielleicht ist es die Aggressivität, die in keinem Verhältnis zum Anlass steht, ein Wutausbruch wegen etwas so Kleinem, dass du danach selbst an deiner eigenen Wahrnehmung zweifelst. Vielleicht sind es Gespräche, die sich nie wirklich klären, die immer wieder an derselben Stelle stehen bleiben, egal wie oft ihr sie führt. Vielleicht ist es die Unberechenbarkeit seiner Stimmung, die dich ständig auf der Hut hält, oder ein plötzlicher Rückzug, bei dem er tagelang kaum erreichbar wirkt. Vielleicht bemerkst du auch, dass er sich an bestimmte Gespräche später anders erinnert, als sie tatsächlich stattgefunden haben, nicht unbedingt aus böser Absicht, aber auf eine Weise, die dich verunsichert.
Was hinter solchen Verhaltensweisen stecken kann
Verhaltensweisen wie diese können sehr unterschiedliche Ursprünge haben. Manchmal steckt eine psychische Erkrankung dahinter, eine Depression, eine Angststörung, eine bipolare Erkrankung, ADHS, eine Sucht, manchmal ein noch unverarbeitetes belastendes Erlebnis. Manchmal ist es chronischer Stress, beruflich oder privat, der sich in Reizbarkeit und Rückzug entlädt. Manchmal ist es ein über Jahre gelerntes Muster, das mit einer klinischen Diagnose gar nichts zu tun hat, sondern eher etwas über seine eigene Geschichte erzählt. Und manchmal lässt sich am Ende keine einzelne Ursache benennen, sondern es zeigt sich einfach eine grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen euch beiden, auch das ist eine legitime Erklärung.
Die Diagnose ist hier nicht das Wichtigste
So sehr eine Erklärung nach Ordnung im Chaos klingt, sie ist selten die eigentlich entscheidende Information. Ob eine Diagnose irgendwann feststeht oder nicht, verändert wenig daran, wie du dich in einzelnen Momenten fühlst, wenn er dich anschreit, wenn ein Gespräch wieder im Nichts endet, wenn du dich fragst, ob du dir das alles nur einbildest. Diese Erfahrung bleibt real, unabhängig davon, welchen Namen man ihr am Ende gibt oder ob es überhaupt einen gibt.
Was du eigentlich suchst, wenn du nach einer Erklärung suchst
Hinter der Suche nach einer Erklärung steckt meistens etwas anderes, ein sehr verständliches Bedürfnis: zu wissen, ob du dir das Recht nehmen darfst, damit unzufrieden zu sein. Ob es normal ist, was du erlebst, oder ob du übertreibst. Ob du selbst etwas falsch machst, oder ob es an etwas liegt, das außerhalb deines Einflusses liegt. Eine Diagnose würde dir das scheinbar bestätigen, schwarz auf weiß. Die Wahrheit ist: Diese Fragen darfst du dir stellen und ernst nehmen, auch ganz ohne dass jemals eine Diagnose feststeht.
Was du brauchst, unabhängig von der Diagnose
Was du eigentlich brauchst, lässt sich meistens auch ohne ein Etikett benennen: Respekt, auch in hitzigen Momenten.
Gespräche, die irgendwann tatsächlich zu etwas führen, nicht nur im Kreis laufen.
Eine gewisse Verlässlichkeit in seiner Stimmung, oder zumindest einen ehrlichen Umgang damit, wenn sie fehlt.
Raum für deine eigenen Gefühle, auch wenn es ihm gerade nicht gut geht.
Diese Bedürfnisse sind unabhängig davon berechtigt, ob sich am Ende eine Diagnose findet oder nicht.
Der Rahmen dieses Blogs, kurz erklärt
Auf diesem Blog geht es überwiegend um Beziehungen mit einem psychisch kranken Partner, das ist der Rahmen, in dem viele Artikel hier geschrieben sind. Dieser Rahmen ist aber eine Linse, keine Voraussetzung. Es geht im Kern immer um dich, um deine Muster, deine Bedürfnisse, deine Grenzen, unabhängig davon, ob dein Partner eine Diagnose hat, eine Diagnose ablehnt, oder ob sich am Ende gar nichts Klinisches dahinter verbirgt. Was hier beschrieben wird, Muster wie subtile Verantwortungsverschiebung, Nähe-Distanz-Dynamiken, das eigene Überfunktionieren, betrifft dich auch dann, wenn du nie ein offizielles Wort für sein Verhalten finden wirst.
Häufige Fragen zu was stimmt nicht mit ihm
Er ist aggressiv und hat oft heftige Wutausbrüche, was für eine Krankheit ist das? Oder das einfach normal?
Aggressives Verhalten und heftige Wutausbrüche können bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen auftreten, sind für sich genommen aber kein Hinweis auf eine bestimmte Diagnose. Auch ohne psychische Erkrankung können Menschen sehr aggressiv oder unkontrolliert reagieren. Entscheidend ist deshalb weniger die Frage, welche Krankheit dahintersteckt. Es geht hier darum, wie sich sein Verhalten auf DICH und eure Beziehung auswirkt.
Er ist extrem eifersüchtig. Ist das eine Krankheit oder Liebe?
Eifersucht ist zunächst keine psychische Erkrankung und kann in Beziehungen durchaus vorkommen. Extreme Eifersucht, die mit Kontrolle, Misstrauen, Vorwürfen oder Einschränkungen deiner Freiheit verbunden ist, sollte nicht als Liebesbeweis verharmlost werden.
Test: Bin ich Opfer von emotionalem Missbrauch?
Ich bin Eva, Psychologin, und arbeite mit Frauen die sich in ihrer Beziehung zu einem psychisch kranken Partner verlieren.
Weiterführende Artikel:
Eine Übersicht zu meinen Blogbeiträgen zum Thema Psychische Erkrankung in der Partnerschaft findest du hier:


