Ich stehe auf komplizierte Männer mit Problemen. Vielleicht brauchst du seine Überforderung?
- Eva
- 8. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juni
Vielleicht kennst du diese leise, erschöpfte Stimme am Abend, wenn in der Wohnung endlich Ruhe eingekehrt ist.
Du hast wieder einmal stundenlang zugehört, Ratschläge gegeben, Probleme gelöst oder die Scherben im Leben deines Partners zusammengekehrt. Du liebst ihn, und wenn er emotional überfordert ist, spürst du diesen tiefen, automatischen Drang, für ihn da zu sein und alles wieder geradezurücken.
Ein stabiler, verlässlicher Mann, bei dem einfach alles glattläuft? Der zieht dich irgendwie nicht an. Dir fehlen da die Funken, die Tiefe, das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden.
Du gerätst nicht zufällig in diese Situationen. Du springst auf die Überforderung eines Mannes an, weil in dir ein ganz bestimmtes, altes Muster aktiv wird?
Deine Aktivität als Schutz vor der Ohnmacht
Sobald du merkst, dass dein Partner mit seinem Leben oder seinen Gefühlen überfordert ist, schaltet dein System auf Empfang. Du wirst augenblicklich aktiv. Du fängst an, seine Probleme zu strukturieren, nimmst ihm Aufgaben ab, verwaltest seine Emotionen und bist sein Fels in der Brandung.
In dieser Phase fühlst du dich lebendig, kompetent und stark. Du spürst eine tiefe Verbundenheit. Er findet das verständlicherweise großartig, zeigt sich dankbar und gibt dir das Gefühl, unersetzlich zu sein.
ABER: Seine Probleme hören nie ganz auf. Kaum ist eine Krise bewältigt, wartet schon die nächste. Ohne es zu merken, rutschst du in eine chronische Beschäftigung mit seinem Leben. Diese permanente Aktivität hat eine unbewusste Funktion für deine eigene Psyche: Solange du damit beschäftigt bist, seine Baustellen zu managen, musst du nicht in dich hineinhören. Das Chaos im Außen schützt dich vor der Unruhe im Innen.
Verlässlichkeit macht dir Angst?
Hinter diesem Beuteschema steckt meist ein Glaubenssatz, den viele Frauen schon sehr früh gelernt haben: „Ich bin nur wertvoll, wenn ich etwas leiste. Ich werde nur geliebt, wenn ich funktioniere.“
Indem du dich zur Retterin und Stütze machst, sichert sich dein System die Daseinsberechtigung in der Beziehung. Die unbewusste Logik lautet: Solange er mich braucht, kann er mich nicht verlassen.
Genau deshalb wirken emotional stabile Männer oft so seltsam uninteressant oder „langweilig“ auf dich. Ein Mann, der seine Krisen selbst reguliert, braucht dich nicht, um ganz zu sein. Und das löst unbewusst eine tiefe Verunsicherung aus. Wenn er dich nicht braucht, warum sollte er dann bei dir bleiben? Ohne ein Problem, das es zu lösen gilt, fühlst du dich plötzlich nackt, austauschbar und mit dir selbst konfrontiert.
Hinter der Retterinnen-Maske
Wenn wir den Scheinwerfer einmal ganz sanft von ihm weg und auf dein eigenes Inneres richten, zeigt sich, dass die ständige Fürsorge für den anderen auch ein genialer Ablenkungsmechanismus ist. Es ist viel leichter, sich um die Psyche, die Finanzen oder die Karriere des Partners zu sorgen, als den eigenen verletzlichen Anteilen zu begegnen.
Hinter der Maske der starken, anpackenden Frau liegt oft eine tiefe, unbewusste Scham. Die Angst, im Kern vielleicht gar nicht zu genügen. Wenn du aufhörst zu helfen, kommen die Fragen hoch, die du lieber wegschiebst:
Wer bin ich, wenn ich mal gar nichts für jemanden tue?
Welche eigenen Bedürfnisse habe ich eigentlich jahrelang hintenangestellt?
Darf ich schwach sein, oder glaube ich, dass ich dann für andere eine Last bin?
Du funktionierst lieber weiter als emotionale Sanierungsfirma, weil dir das ein Gefühl von Kontrolle gibt. Aber es schneidet dich auch von dir selbst ab.
Der Weg zu DIR selbst
Du musst dieses Muster nicht für immer weiterleben. Der Ausweg erfordert kein abruptes Aufhören, sondern ein liebevolles Innehalten.
Halte den Impuls aus: Wenn er das nächste Mal überfordert ist, atme durch. Warte einen Moment, bevor du sofort die Lösung präsentierst. Gib ihm den Raum, als erwachsener Mann eigene Wege aus der Krise zu finden.
Begegne der Leere: Wenn du dich weniger um ihn kümmerst, wird es in dir erst einmal unruhig werden. Das ist normal. Nutze diese Zeit nicht, um dich schlecht zu fühlen, sondern um dir selbst die Aufmerksamkeit zu schenken, die du sonst nach außen gibst.
Erlaube dir, einfach nur zu sein: Übe dich darin, in deiner Beziehung geliebt zu werden, ohne dass du ein Problem gelöst hast. Deine Bedürfnisse haben einen Platz. Einfach, weil es dich gibt.
Ich bin Psycholgin und beschäftige mich mit tiefsitzenden Mustern bei Frauen, die oft immer weiter funktionieren.

