Faktisch alleinerziehend mit psychisch krankem Partner
- Eva
- 6. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Morgens um sechs stehst du als Einzige auf. Er liegt noch im Bett, weil er es gerade nicht schafft. Du machst die Kinder fertig, Frühstück, Zähneputzen, Schuhe, Kita-Tasche, während du im Kopf schon durchgehst, wie du das mit dem Job heute wieder timen sollst. Auf dem Weg zur Tür rufst du noch "wir sind weg" in den dunklen Flur. Keine Antwort.
Abends ist es andersherum und trotzdem gleich. Er ist zwar da, sitzt auf dem Sofa, aber irgendwie nicht wirklich anwesend, zugedröhnt von dem, was ihm gerade hilft, den Tag zu überstehen. Die Kinder könnten theoretisch zu ihm kommen, wenn etwas ist. Praktisch weißt du, dass du in Hörweite bleiben musst, für den Fall, dass eines der Kinder ihn braucht und er es nicht mitbekommt.
Wenn du das Thema vorsichtig ansprichst, ob er nicht wenigstens die Bring-Wege übernehmen könnte, kommt oft derselbe Satz: Arbeiten ist doch schon Stress genug für ihn. Als wäre alles, was zusätzlich zur Arbeit kommt, grundsätzlich zu viel, nur eben nicht für dich.
Mehr als alleinerziehend
Es gibt einen Diskurs, den du vielleicht kennst: Frauen, die sich "faktisch alleinerziehend" fühlen, obwohl der Partner noch da ist, werden manchmal kritisiert, oft von wirklich Alleinerziehenden. Der Vorwurf: Ihr habt doch noch jemanden, seid still. Und ja, formal stimmt das. Aber formal ist nicht dasselbe wie tatsächlich.
Denn bei dir kommt zu der alleinerziehenden Last noch etwas dazu, das eine "normale" Alleinerziehende nicht hat: Du sorgst nicht nur für deine Kinder allein. Du sorgst auch noch für ihn.
Für seine Stimmung, seine Krisen, seine Fähigkeit, überhaupt durch den Tag zu kommen. Du bist Managerin von drei oder mehr Menschen gleichzeitig, nur dass einer davon erwachsen ist und eigentlich für sich selbst sorgen können sollte.
Und dann kommt noch eine dritte Ebene dazu, die besonders erschöpfend ist: die Fassade. Weil du offiziell nicht alleinerziehend bist, bekommst du auch keine der Entlastungen, die diesem Status zugeschrieben werden. Im Job wird bei einer alleinerziehenden Kollegin oft automatisch mitgedacht: Kein Meeting nach 16 Uhr, Verständnis bei Krankheitstagen des Kindes. Bei dir wird das nicht mitgedacht, weil du ja "einen Mann zu Hause hast". Nur weißt du selbst, dass dieser Mann gerade keine der Aufgaben übernehmen kann, die man normalerweise von einem zweiten Elternteil erwarten würde.
Wie sich das im Alltag zeigt
Der Kita-Anruf, wenn ein Kind krank ist, geht immer bei dir ein, weil er "gerade nicht ansprechbar" ist, auch mittags um zwölf.
Du erklärst Freundinnen sein Verhalten, bevor sie überhaupt fragen können, aus Angst, es könnte nach einer Beschwerde klingen.
Du merkst, dass du selbst dann noch für ihn mitdenkst, wenn er in einer stabilen Phase ist, weil du gelernt hast, dass Ruhe jederzeit kippen kann.
Deine Chefin fragt beiläufig, ob dein Mann sich nicht auch mal kümmern könnte, wenn ein Kind krank wird. Du nickst und sagst "eigentlich schon", weil die vollständige Antwort zu kompliziert wäre für ein Flurgespräch.
Warum du dich dafür schämst, obwohl es nicht deine Schuld ist
Die Scham, die viele Frauen in dieser Situation beschreiben, hat einen genauen Grund: Es gibt für diese Erschöpfung keinen anerkannten Rahmen. Eine Alleinerziehende bekommt gesellschaftlich einen Platz, ihre Last ist sichtbar und benannt. Deine Last hat keinen Namen, also lernst du, sie kleinzureden, sogar vor dir selbst. "Ich kann mich ja nicht beschweren, er ist doch krank" ist ein Satz, den du dir vermutlich öfter sagst, als dir guttut.
Diese Scham verhindert genau das, was du eigentlich bräuchtest: dass du deine Erschöpfung ernst nimmst, unabhängig davon, wie euer Beziehungsstatus offiziell aussieht. Erschöpfung ist nicht weniger real, nur weil die Ursache eine Krankheit ist und nicht eine Trennung.
Verständnis erklärt vieles. Es rechtfertigt nicht alles auf Dauer
Eine psychische Erkrankung kann erklären, warum jemand morgens nicht aus dem Bett kommt, warum jemand sich zurückzieht, warum jemand überfordert reagiert. Das zu wissen, nimmt vieles die persönliche Schärfe.
Aber eine Erklärung ist keine Dauerkarte. Irgendwann muss auch bei einer chronischen Erkrankung eine Struktur entstehen, die nicht ausschließlich auf deinen Schultern lastet: Unterstützung von außen, Therapie, eine ehrliche Verteilung dessen, was noch möglich ist. Wenn "ich kann gerade nicht" zu einem Dauerzustand wird, der nie wieder hinterfragt wird, dann ist das kein Symptom mehr allein. Dann ist es auch eine Entscheidung, die getroffen wird, jeden Tag neu, auch von ihm.
Ein kleiner Anfang
Du musst nicht sofort eine Lösung für das große Ganze finden. Es reicht, in einem Moment wie dem morgendlichen Aufstehen kurz innezuhalten und dir selbst zu sagen: Diese Erschöpfung ist echt, unabhängig davon, ob ich offiziell alleinerziehend bin oder nicht. Das allein nimmt der Scham schon einen Teil ihrer Macht.
Manchmal ist es leichter, diese Erschöpfung und die Muster dahinter in Ruhe zu sortieren, statt mitten im Alltag darüber nachzudenken. Genau dafür habe ich das Inmut Kartenset entwickelt: als Weg, die eigene Belastung wieder sichtbar zu machen, auch wenn sie von außen nicht anerkannt wird. Viele Frauen schenken es sich selbst, gerade dann, wenn sie merken, dass sie längst mehr tragen, als offiziell von ihnen erwartet wird.
Ich bin Psychologin und berate Frauen in Beziehungen zu psychisch erkrankten Partnern. Frauen die meinen funktionieren zu müssen.

